Dr. Degelmann erforscht die Entstehung und Verbreitung von Falschinformationen und alternativen Fakten in der Öffentlichkeit — ein Phänomen, das heute unter dem Begriff «Postfaktizität» diskutiert wird. Sein Fokus liegt darauf, wie Menschen traditionelle, autorisierte Wissensquellen zugunsten von Informationen aus undurchsichtigen Kanälen verlassen und welche historischen Wurzeln dieses Vertrauen in «alternative Fakten» hat. Für Unternehmen und öffentliche Institutionen ist diese Forschung relevant, um Kommunikationsstrategien zu verstehen, Desinformation zu erkennen und Vertrauen in etablierte Informationsquellen zu stärken. Seine Arbeiten verbinden historische Analyse mit gegenwärtigen Fragen der Demokratie und Wissenskultur.
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Dr. Christopher Degelmann
HU-FIS-Profil ↗«Postfaktizität» bezeichnet eine Erscheinung, wonach Menschen anstelle von herkömmlich autorisiertem Wissen aus Traditionsmedien anscheinend immer leichter «alternativen Fakten» aus undurchsichtigen Kanälen Glauben schenken. Sophia Rosenfeld hat in ihrem über die Fachgrenzen hinaus rezipierten Buch «Democracy and Truth: A Short History» die These vertreten, das verbreitete Unbehagen an den aktuell unter den dazugehörigen Begriffen post-truth und fake news subsumierten Phänomenen sei als Erbe der Aufklärung zu verstehen. Im 18. und 19. Jahrhundert hätten sich die intellektuellen Väter der modernen Volksherrschaft auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen und den Wert der Objektivität beschworen, um sich von der auf Intransparenz beruhenden Willkür des Ancien Régimes abzuheben.Nicht im Fokus Rosenfelds lag die demokratische Tradition des klassischen Athens, die den Vordenkern der heutigen Demokratie gewiss vor Augen stand. Allerdings war der attischen Bevölkerung – anders als in den westlichen Industrienationen – eine Vorstellung von der Funktion des Gerüchts und verwandter Erscheinungen der Alltagskommunikation in der politischen Willensbildung zu eigen, die sich fundamental von der durch Rosenfeld nachgezeichneten Entwicklung unterschied. Klatsch, Konspirationsnarrativ und Verleumdung galten dem Demos als soziales Regulativ, wichtige Informationsquelle und gar Äquivalent zur öffentlichen Meinung, die sich in den Entscheidungen der athenischen Volksversammlung und Gerichte manifestierten.Das Projekt weitet den Blick und fragt, ob dieser Befund allein für die attische Demokratie gilt oder auch andere Kulturen der Vormoderne umfasst. Daher wird den Mustern postfaktischer Kommunikation sowohl interepochal als auch interkulturell nachgegangen. Einer komparativen Dimension dient der Dialog mit der Forschung zur hellenistischen Polis, zur römischen Republik, zu den italienischen Stadtrepubliken des Mittelalters, den deutschen Reichsstädten der frühen Neuzeit und nicht-europäischen Kulturen der Vormoderne wie z.B. den phönizischen Gemeinwesen. Die gemeinsame Grundlage der Fallstudien bildet die Abwesenheit von Monarchie, die eine bürgerliche Deliberation ermöglicht. Darüber hinaus wird die sozialwissenschaftliche, philosophische und linguistische Forschung zum Thema der «Postfaktizität» eingebunden.Vor diesem Hintergrund widmet sich das Projekt den Strategien postfaktischer Argumentation in vormodernen Republiken im Vergleich sowie ihren Antworten auf Falschmeldung, üble Nachrede und Verschwörungserzählung. Final ist zu fragen, wie sich vormoderne Wissensgenerierung von der heutigen unterscheidet. Damit, so die Annahme, können wir aus den uns umgebenden Zeitumständen hinaustreten, um Modi des Umgangs mit solchen vermeintlich neuen Erscheinungen in einer globalisierten und vernetzten Gegenwart zu eruieren, die wieder viel kleiner und nahbarer geworden zu sein scheint.
Religion · DOI
For the past five years (2012–2017), the Max Weber Center of Erfurt University has hosted a project on ‘Lived Ancient Religion: Questioning “cults” and “polis religion”’, financed by the European Research Council and embedded in the research group on ‘Religious individualisation in historical perspective’ (see Fuchs and Rüpke. [2015. “Religious Individualisation in Historical Perspective.” Religion 45 (3): 323–329. doi:10.1080/0048721X.2015.1041795]). It was designed to supplement existing accounts of the religious history of the Mediterranean area at the time of the long Roman Empire, accounts traditionally centred upon public or civic institutions. The new model focuses on the interaction of individuals with a variety of religious specialists and traditions, taking the form of material culture, spaces and text. It emphasises religious experience, embodiment and ‘culture in interaction’. On the basis of research into the history of religion of the Roman Empire, this co-authored article sets out to offer new tools for research into religion by formulating three major perspectives, namely religious agency, instantiated religion and narrated religion. We have tried to illustrate their potential value by means of 13 short case studies deriving from different geographical areas of the central and eastern Mediterranean area, and almost all relating to the period 150 BCE to 300 CE. These short descriptions are summarising research pursued by the members of the team of authors, published or to be published in extended form elsewhere, as indicated by the references.
Historische Anthropologie · DOI
In classical Athens alcohol consumption was normatively charged and therefore a balancing act that could quickly lead to insults by opponents primarily handed down by comedy fragments or court speeches. Slaves, aliens, women and effeminate men as well as politicians who seemed to be connected with them were attacked for excessive drinking. There was also the question of where one drank; consumption in such places like pubs invited rivals to abuse, and visits to Persia or Macedonia supposedly led to alcohol addiction. In sum, it was irrelevant whether or not someone really was an alcoholic; rumours would start based on stereotypes and prejudices.
Hermes · DOI
Cicero criticized his contemporary Sisenna for an inappropriate style in his „Historiae“: Sisenna is blamed for using too many theatrical elements in his historiographical narrative on the Social Wars and the dictatorship of Sulla. We may find this critique confirmed in such fragments like FRH 15,16 where an anonymous protagonist performs a so-called squalor - a highly dramatic staging in public. By deconstructing the debate of the anonymous’ identity the contribution shows that the fragment should not be regarded as proof of Cicero’s claim, but as an evidence for Sisenna’s close attention to detail that revives the political culture of late Republican Rome.