Frank Reichherzer
HU-FIS-Profil ↗Die Tagung möchte die Vorstellungen von den Amerikas in den westeuropäischen Protestbewegungen der 1980er Jahre und die ihnen zugrunde liegenden Wahrnehmungs- und Deutungsmuster historisieren. Explizit stehen beide Teile des amerikanischen Kontinents und die Wechselwirkungen, Bezüge und Verflechtungen der Amerikas in den Bildern der europäischen Protestbewegungen im Zentrum des Tagungskonzeptes. Dazu werden sowohl das Spannungsverhältnis zwischen der Kritik an und der positiven Bezugnahme auf die USA untersucht, als auch die oft komplementäre Wahrnehmung Lateinamerikas herausgearbeitet. Dass sich in den Vorstellungen von Ländern Zentral- und Südamerikas in den westeuropäischen Protesten immer auch Einfluss und Bedeutung der USA als Hegemonialmacht spiegelten, verweist auf die Notwendigkeit einer integrierten Untersuchung der Amerikavorstellungen in den 1980er Jahren und bietet trotz des weiten geografischen Fokus des Workshops die Grundlage für gemeinsame Anknüpfungspunkte in den Vorträgen im Sinne der Tagungskonzeption.Seit den 1970er Jahren artikulierten Protestbewegungen in vielen Ländern Westeuropas Ängste vor zunehmender Umweltverschmutzung, nuklearen Katastrophen und einer Restauration des Ost-West-Konflikts. Menschen aus beinahe allen gesellschaftlichen Schichten engagierten sich gegen Atomkraft und Aufrüstung bzw. für den Schutz natürlicher Ressourcen, Abrüstung, Überwindung des Systems des „Kalten Krieges“ und alternative Beziehungen zu Ländern des Globalen Südens.Eines der verbindenden Momente dieser Protestbewegungen war ihre spezifische Aufmerksamkeit für die Vereinigten Staaten von Amerika. Einerseits wurden die USA in den Perzeptionen der westeuropäischen Protestierenden als ein Feindbild konstruiert, das für die kritisierten Missstände in der Welt verantwortlich gemacht werden konnte. Gerade die Person des US-Präsidenten Ronald Reagan spielte dabei als stereotype Verkörperung eines neokonservativen US-Amerikas eine besondere identitätsstiftende Rolle. Andererseits suchten die Protestbewegungen kommunikativen Anschluss an die dortige Zivilgesellschaft und inneramerikanische Debatten. Dabei sollten transnationale Identifikationen mit beispielsweise der Nuclear Weapons Freeze Campaign, der Solidaritätsbewegung mit Mittelamerika oder anderen Oppositionsbewegungen in den USA das Protestanliegen auf beiden Seiten des Atlantiks stützen und legitimieren.Auch südlich der USA knüpften die Akteure aus den Protestbewegungen neue transnationale Netzwerke. Die Unterstützung für das sandinistische Nicaragua galt einem alternativen Entwicklungsmodell, um das auch in El Salvador oder Guatemala gerungen zu werden schien. Die Bürgerkriege in Mittelamerika sowie die parallel dazu ablaufenden Transitionen nach dem Ende lateinamerikanischer Militärdiktaturen riefen im Bewegungsmilieu Aufmerksamkeit und Solidarität hervor. Gleiches gilt für die erstarkenden indigenen Bewegungen auf dem gesamten Kontinent, mit denen vielfach der Schutz natürlicher Ressourcen assoziiert wurde. Aber auch in diesen Netzwerken blieben die USA als regionale Hegemonialmacht stets im kritischen Blick der Protestbewegungen.Der geplante Workshop ist an der Schnittstelle der Erforschung von Protestbewegungen, Repräsentationen und Transferprozessen angesiedelt. Dabei ist das geschichtswissenschaftliche Interesse an der transnationalen Konstruktion von Wahrnehmungen und Deutungen in Protestbewegungen erst vor einigen Jahren aufgekommen. Nachdem die Forschung Beziehungen über Grenzen hinweg lange Zeit unter diplomatie- oder politikgeschichtlichen Fragestellungen untersucht hat, ist mittlerweile die historische Produktion von Selbstbildern und Fremdwahrnehmungen in das Zentrum des Interesses gerückt. In diesem Sinne hat die Forschung begonnen, die Bilder, Imaginationen und Vorstellungen von Amerika in allen Facetten in den Blick zu nehmen. Während für die Protestbewegungen von 1968 bereits sehr erfolgversprechende Versuche unternommen wurden , wendet sich die Forschung nun allmählich der Untersuchung der Amerikabilder in den 1980er Jahren zu. Gleichwohl sind bereits einige Arbeiten im Entstehen und es liegen schon erste Veröffentlichungen zu diesem Thema vor, die eine vielversprechende Grundlage für weitere Diskussionen bieten.Die Forschung zu westeuropäischen Solidaritätsbewegungen mit Zentral- und Südamerika wurde lange von ehemaligen Zeitzeugen dominiert, die ihr damaliges Engagement durchaus kritisch reflektierten bzw. zu wissenschaftlichen Zwecken verarbeiteten. Zeitgenössische Perzeptionen der USA wurden dabei eher am Rande behandelt und die Analyse beschränkte sich oft auf ein grobes Nachzeichnen der antagonistischen Positionen: hier das unterstützenswerte Anliegen linker Regierungen und Guerillabewegungen, dort der als imperialistisch und reaktionär abzulehnende Einfluss der USA. Eine neue Forschergeneration fokussiert vermehrt die transnationalen Strukturen der Solidarität und stellt die Bedeutung der Akteure im globalen Süden für die Generierung und Aufrechterhaltung der Solidarität heraus. Dass gerade den Bildern und Vorstellungen des Anderen eine Schlüsselrolle für die Motivation innerhalb der Solidaritätsbewegungen zukommt, wird bislang noch wenig beleuchtet.Vor dem Hintergrund der hier knapp skizzierten Desiderata der Erforschung von Amerika-Repräsentationen in den Protestbewegungen der 1980er Jahren möchte der geplante Workshop ein wissenschaftliches Forum bieten, in dem neue Forschungsansätze diskutiert und divergierende Perspektiven in einen fruchtbaren Zusammenhang gebracht werden können.
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