Dr. Astrid Mignon Kirchhof
HU-FIS-Profil ↗Das Forschungsprojekt stellt die Ost- und West-Berliner Naturschutzbewegung und -politik in den Mittelpunkt der Analyse. Dabei wird ein Bogen von den Nachkriegsjahrzehnten über die Zeit der so genannten umweltpolitischen Wende der 1970er Jahre bis zum Fall der Mauer geschlagen, weil sich 1990 die bestehenden Organisationen und Strukturen auflösten oder miteinander fusionierten. Von einer asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte (Christoph Kleßmann) ausgehend fragt die Studie: Welche Unterschiede und Ähnlichkeiten zeigten sich in der Berliner Naturschutz- und Umweltbewegung in Ost- und West-Berlin zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Fall der Mauer? Diese Frage soll durch eine dreigeteilte Analyse beantwortet werden. Untersucht werden1.) das bürgerschaftliche Engagement der West-Berliner Naturschutzvereine und des Ost-Berliner Kulturbunds,2.) die Naturschutzbeauftragten in der kommunalen Verwaltung beider Stadthälften in ihrer Funktion als Mittler zwischen politischen und bürgerschaftlichen Interessen und3.) das Aufeinandertreffen der Naturschutz- und neuen Umweltbewegung ab den 1970er Jahren. Die Insellage West-Berlins und die Schwierigkeit des Vergleichs aufgrund der Systemdivergenz zwischen Ost und West haben dazu geführt, dass Berlin kaum untersucht wurde. Das Projekt stößt somit in eine Forschungslücke und leistet einen Beitrag zur politischen, sozialen und kulturellen Geschichte Berlins sowie zu der Frage, ob West- und Ost-Berlin eine Sonderrolle im jeweiligen Staat zukam. Darüber hinaus erweitert es das Themenspektrum der deutschen Umweltgeschichtsforschung und trägt so dazu bei, die deutsche umwelthistorische Stadtforschung an internationale und vergleichende Diskussionen in diesem Bereich anschlussfähig zu machen.
Die DDR unternahm weitaus früher als die Bundesrepublik erste gesetzgebende, politische und wissenschaftliche Schritte im Naturschutz und förderte ebenso gesellschaftliche Naturschutzbemühungen durch staatliche Naturschutzorganisationen. Die Internationalisierung und Ökologisierung des Naturschutzes ab den 1970er Jahren zog auch in der DDR eine kritische Umweltbewegung nach sich und veränderte diesen Politikbereich – und die DDR – nachhaltig. Der Referenzrahmen für die Entscheidungen der DDR Naturschutzpolitik waren hierbei immer wieder die Abhängigkeit von internationalen politischen Prozessen und dem Kalten Krieg, besonders den Entscheidungen der Alliierten, vor allem den USA, sowie den Entwicklungen in der Bundesrepublik. Die Studie geht der übergeordneten Frage nach, ob der Naturschutzbereich dazu beitrug, dass die DDR erodierte – ähnlich wie diese Wirkung der DDR Umweltbewegung zugeschrieben wird – oder ob dieser Bereich eine System stabilisierende Wirkung hatte. Da es wenig Forschung zum DDR Naturschutz gibt, finden sich in der Literatur häufig falsche und polemische Schlussfolgerungen. Durch den Blick auf die Naturschutzpolitik unterzieht das Forschungsprojekt das System und die Gesellschaft der DDR einer Neubetrachtung und analysiert in diesem Kontext die internationale Rolle der Bundesrepublik und der DDR im Zeitalter des Kalten Krieges. Die interdisziplinär und transnational angelegte Studie wirft Probleme und Fragestellungen der soziologischen sowie politik-, wirtschafts-, und sozialgeschichtlichen Forschung auf.
Noch keine Publikationen aus OpenAlex zugeordnet.