Dr. Ruth Wolff
HU-FIS-Profil ↗Das Projekt zielt auf ein Bildkonzept, das in verschiedenen Textsorten von der Antike bis zur Frühen Neuzeit in ungebrochener Kontinuität fest verankert ist, von der kunsthistorischen Forschung jedoch noch nicht untersucht wurde: die inscultpa imago. Das plastische Bild soll am Muster eines Bildmediums erforscht werden, das erst jüngst in den Fokus der Kunstwissenschaften gerückt ist: das Siegel, wobei unter Siegel auch der Siegelring der Antike (d. h. die Gemme) und seine Abdrücke in Ton zu verstehen ist. Das Siegel figuriert als vertieft einskulpiertes Bild auf dem Siegelstempel bzw. reliefhaft erhöhtes Bild auf dem Siegelabdruck in kunsttheoretischen, theologischen, philosophischen, literarischen und chronikalen Schriften, aber auch in Texten, die bisher noch nicht von den Kunstwissenschaften in den Blick genommen wurden, wie Normen des römischen und kanonischen Rechts, juristische Kommentare, Schriften von Notaren oder Texte der frühneuzeitlichen Gemmen- und Siegelkunde. Die Untersuchung will ein Corpus exemplarischer Texte zusammenstellen und in seiner Auswertung zeigen, welche Eigenschaften und Kompetenzen dem plastischen Bild zugewiesen werden. Zentrale Kategorien sind dabei Dreidimensionalität, Reproduktion, Schönheit, Materialität, Authentizität, Sinne und Format. In einem zweiten Schritt sollen die gewonnenen Ergebnisse auf Siegel als insculptae imagines zurückbezogen werden. Meine Forschungen zielen darauf ab, die paradigmatische Rolle des Siegels als insculpta imago im Bilddiskurs des Mittelalters und der Frühen Neuzeit erstmals aufzuzeigen, um zugleich vorführen zu können, dass und inwieweit Siegel auch für das Verständnis anderer Bildmedien und ihr komplexes Beziehungsgeflecht grundlegend sind.
Die Untersuchung zielt auf das Siegel als Paradigma eines Bildkonzepts des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Dieses Bildkonzept ist die imago insculpta in ihrer doppelten Natur als Siegelstempel und Siegelabdruck, deren zentrale Rolle in den Bereichen Literatur, Theologie, Recht, Philosophie, Geschichte und Kunst dargestellt wird. Mit der Analyse des Bildkonzepts des Siegels im Medium Text und der spezifischen plastischen Bildsprache von insculptae imagines, die auf der Basis des im Rahmen der Untersuchung erstellten Text- und Bildcorpus basiert, kann der Kunst – und bildwissenschaftlichen Forschung neues und grundlegendes Material bereit gestellt werden, das mit bereits bekannten Texten und Bildern konfrontiert wird. Die sich dabei herauskristallisierenden Themenfelder wie Dimensionalität, Authentizität, Reproduktion und kreative Intentionalität, spielen auch in der aktuellen Kunst- und Bildwissenschaft, ausgehend von zeitgenössischen Medien und ihren Bildern eine entscheidende Rolle. Die Auswertung des Text- und Bildcorpus geschieht im Kontext dieser aktuellen Forschungsströmungen. Eine besondere Leistung der Untersuchung liegt darin, dass sie Querverweise und gegenseitige Antworten theologischer, juridischer, „naturwissenschaftlicher“, literarischer und kunsttheoretischer – bzw. technologischer Argumentationen zum Siegel als plastischem Bild sichtbar machen kann, die einen umfassenden Bilddiskurs des Mittelalters und der Frühneuzeit bezeugen. Das Medium selbst, aber auch seine sprachliche und bildliche Rezeption hatten eine Katalysatorfunktion, die zur Multiplikation seiner Bilder in andern plastischen Gattungen drängte und zur Aufnahme aktuellster Diskurse zum Bild und seinen plastischen Potenzen. Die Untersuchung will so aus interdisziplinärer Sicht einen substantiellen Beitrag zur kunst- und bildwissenschaftlichen Diskussion um das Bild des Mittelalters und der Frühen Neuzeit leisten, die bislang im wesentlichen auf der Prämisse des zweidimensionalen Bilds beruht.
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