Prof. Dr. Sigrid Blömeke
HU-FIS-Profil ↗Lehrerbildung war und ist immer wieder starker Kritik ausgesetzt. Sie sei praxisfern, in ihrer ersten Phase beliebig, in ihrer zweiten Phase mehr eine Meisterlehre als eine theoriegeleitete Ausbildung, sie dauere zu lange, sei nicht koordiniert und kenne keine geteilten Standards. Empirisch geprüft wurde ihre Wirksamkeit allerdings nie. Erst eine externe Entwicklung führte dazu, dass die Bereitschaft hierzu momentan wächst: Die Ergebnisse der internationalen Schulleistungsvergleiche legten Defizite offen, die den Blick u.a. auf die Lehrerbildung als deren mögliche Ursache richten. Durch eine empirische Prüfung ihrer Qualität könnte entweder eine Ursache der schulischen Defizite ausgemacht oder die Lehrerbildung als Ursache weitgehend ausgeschlossen werden.Am Beispiel der Lehrerausbildung für die Sekundarstufe I im Unterrichtsfach Mathematik sollen erstmals Konzepte entwickelt werden, die eine empirische Prüfung der Wirksamkeit von Lehrerbildung ermöglichen. Die empirische Bildungsforschung hat immer wider darauf hingewiesen, dass eine Beachtung der Wechselwirkung zwischen Lehr-Lernprozess und Lernergebnissen sowie zwischen Lernvoraussetzungen und Lehr-Lernprozess für valide Ergebnisse zentral ist. Dem daraus entwickelten Standard, die drei Elemente Voraussetzungen zu Beginn der Lehrerbildung, Prozess in erster und zweiter Phase der Lehrerausbildung sowie Produkt in Form von Wirkungen zu erfassen, wird in dieser Studie gefolgt. Im Hinblick auf die Untersuchung der Lehrerausbildung würde man aber nur einen Bruchteil der Realität abbilden, wenn mit Hilfe von Leistungsmessungen nur die individuelle Ebene der zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer in den Blick genommen würde. Historische Entwicklungen, kulturelle Traditionen und fachliche Inhalte in den Institutionen der Lehrerbildung blieben außen vor. Der Studie liegt ein mehrebenen-analytisches Modell der Lehrerausbildung zugrunde, in dem die unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen, die an der Gestaltung der Lehrerbildung beteiligt sind, in den Blick genommen und erfassbar gemacht werden. In dieser Studie stehen institutionelle und systemische Einflüsse im Vordergrund.
<p>Die Lehrerausbildung ist in vielen Ländern hinsichtlich ihrer Gestaltung und Leistungsfähigkeit Kritik ausgesetzt. Eine einfache Übertragung der vorhandenen Modelle und Methoden empirischer Bildungsforschung auf die Erfassung von Wirkungen der Lehrerausbildung ist allerdings theoretisch und methodologisch problematisch. Zum einen besteht die Herausforderung zu klären, welche Variablen als relevant angesehen werden können, da Institutionen und Personen, Faktoren und Prozesse, Ziele, Erwartungen und Interessen, Realbedingungen und Beteiligungsvoraussetzungen bei Bildungsprozessen fast unauflösbare Ursache-, Bedingungs- und Wirkzusammenhänge bilden (Herrmann, 2003). Zum anderen gibt die internationale empirische Forschung zur Lehrerausbildung keine einheitliche Methodologie vor. Für die Bundesrepublik Deutschland lässt sich sogar ein generelles Defizit empirischer Forschung auf diesem Gebiet konstatieren.</p> <p>Ziel des Projekts ist es vor diesem Hintergrund, beispielhaft für die Ausbildung von Lehrern der Sekundarstufe I im Fach Mathematik ein international tragfähiges mehrebenenanalytisches Modell zur Wirksamkeit von Lehrerausbildung zu konzeptionalisieren, darauf aufbauend theoriegeleitet Erhebungsinstrumente zur Erfassung von Strukturen, Inhalten sowie Wirkungen der Lehrerausbildung zu entwickeln und für acht Länder belastbare Ergebnisse zu gewinnen.</p> <p>Eine erste Herausforderung der Studie stellen dabei die Verzahnung von Erziehungswissenschaften, Fachdidaktik und Fachwissenschaft sowie die Verzahnung von theoretischer und praktischer Lehrerausbildung dar. Eine zweite Herausforderung ist das Ziel, Erhebungsinstrumente zu entwickeln, die auch im internationalen Kontext Ausbildung und Wissen von Lehrkräften valide erfassen und somit Lehrerausbildungssysteme vergleichbar machen. Die entwickelten Instrumente werden daher im Rahmen von Fallstudien in acht Ländern (Bulgarien, Deutschland, England, Italien, Mexiko, Südkorea, Taiwan und USA) erprobt. Die Ergebnisse werden verglichen und international veröffentlicht.</p>
Ziel des internationalen Projekts ist die differenzierte Beschreibung und Modellierung professioneller Handlungskompetenz von angehenden Mathematiklehrerinnen und -lehrern der Primarstufe und der Sekundarstufe I am Ende der ersten und zweiten Phase der Lehrerausbildung. Neben der zweimaligen deskriptiven Erfassung des Kompetenzniveaus und -profils soll der Einfluss individueller Faktoren (wie der Lernvoraussetzungen zu Beginn und die Nutzung des Lehrangebots im Prozess der Ausbildung), der Einfluss institutioneller Rahmenbedingungen (wie der Ziele und Inhalte der Ausbildung oder ihrer Kontrolle und Steuerung) und schließlich der Einfluss systemischer Rahmenbedingungen (wie des gesellschaftlichen Ansehens von Mathematiklehrern oder der Eingangsselektivität der Mathematiklehrerausbildung) auf den Kompetenzerwerb festgestellt werden. Professionelle Handlungskompetenz wird in Anlehnung an Bromme und Weinert im Hinblick auf zentrale berufliche Anforderungen von Mathematiklehrerinnen und -lehrern bestimmt. Professioneller Handlungskompetenz liegen Wissensbestände zugrunde, die sich in Anlehnung an Shulman in mathematisches, mathematikdidaktisches und pädagogisch-psychologisches Wissen zusammenfassen lassen, sowie entsprechende Überzeugungen. Darüber hinaus werden Persönlichkeitsmerkmale erfasst.
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