Manuel Ghilarducci erforscht Unverständlichkeit und Dunkelheit in slawischen Literaturen, insbesondere in der polnischen Dichtung des 19. Jahrhunderts. Sein Fokus liegt auf der Analyse, wie Dichter wie Cyprian Norwid bewusst Mehrdeutigkeit und sprachliche Undurchsichtigkeit als ästhetisches und philosophisches Verfahren einsetzen. Für Kulturinstitutionen, Archive und Bildungseinrichtungen kann diese Forschung neue Zugänge zu literarischen Beständen und deren Interpretation erschließen. Die Arbeit verbindet Textinterpretation mit kulturhistorischen Fragen zur Bedeutungskonstruktion in der Literatur.
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Manuel Ghilarducci
HU-FIS-Profil ↗„Du, klagst über die Dunk1. Darstellung der wissenschaftlichen Zielsetzung der Veranstaltungelheit meiner Rede:– Hast auch die Kerze du s e l b s t entzündet?Oder hat dir immer der ZimmerdienerDas Leuchten gebracht? … Sieh – daß ich dich besser kenne.“Cyprian Norwid (1981 [1861]: 91) Im Gedicht Ciemność (Dunkelheit) praktiziert der polnische Dichter Cyprian Norwid einen Modus der Unverständlichkeit, dessen Relevanz über den epochalen Kontext der Romantik hinausgeht. Der Vorwürfe seiner Leserschaft bewusst, die ihn als ‚obskur‛ und ‚unverständlich‛ bezeichnet, täuscht Norwid in Dunkelheit das Versprechen einer poetologischen Erklärung vor und kreist um das Dunkle und das Unverständliche, ohne diese zu definieren. Die Komplexität des Textes verschärft nur noch die Irritationen des Lesenden, der sich in einem Labyrinth aus rhetorischen Fragen, enigmatischen Auslassungspunkten und Gedankenstrichen verliert. Norwids Gedicht entwickelt und antizipiert nicht nur die dekonstruktivistische Unlesbarkeit, sondern macht jenen Zusammenhang zwischen rhetorischen und textuell-räumlichen Bewegungen sichtbar, der bereits im Altgriechischen in den miteinander verwandten Begriffen τρόπος (trόpos) und ἀτραπός (atrapόs) innewohnt. Trόpos bezeichnet u.a. sowohl eine körperliche als auch eine sprachliche Wendung, atrapόs – einen schwer begehbaren Pfad.Das Norwid’sche t(r)opologische Unverständlichkeitsmodell, das für ein anti-hermeneutisches Verfahren plädiert und Ambiguität in sprachräumlichen Verschiebungen konstruiert, findet sich zur gleichen Zeit auch in Đorđe Koders und Konstantin Slučevskijs Lyrik sowie in Aleksandr Potebnjas Sprachphilosophie. Die enigmatische Schreibweise dieser Dichter und Philosophen antizipiert den Hermetismus und den Experimentalismus, die später beispielsweise für Marina Cvetaeva, Vladimír Holan und Osip Mandel’štam charakteristisch sind, und geht Anfang des 20. Jahrhunderts über die Grenzen der Lyrik hinaus. So schreibt Walter Benjamin in Berliner Kindheit um 1900, dass das Missverstehen ihm die Welt verstellte (vgl. Benjamin 1991: 260). 2015 vergleicht der slowakische Autor Juraj Briškár in seiner literarischen Essaysammlung Sprievodca nezrozumiteľnosťou (Wegweiser durch die Unverständlichkeit, 2015) die Unverständlichkeit mit einem Raum, den es mit Hilfe eines Wegweisers zu durchlaufen gilt. Die Überschrift des Buches lässt aber eine andere Deutung zu: Wegweiser zur Unverständlichkeit. Die Unverständlichkeit repräsentiert das Ziel der Lektüre selbst: Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken die Wegmarken, die den atrapόs zur Unverständlichkeit zum Grundprinzip der Leseerfahrung erheben.Diesem tropologisch-räumlichen Unverständlichkeitsmodell, das sich von den 19. Jahrhundert bis heute in Dichtung und Prosa spannt, geht die geplante Tagung „In dunklen (Sprach-)Räumen. Verhandlungen von Unverständlichkeit in den slawischen Literaturen“ nach. Dabei werden rhetorische Bewegungen als Wendungen im Raum der Sprache betrachtet, die die Lesenden von einer geraden und erhellen Hauptstraße in verwinkelte und dämmrige Pfade zwingen. Dunkle Wege, leere Räume und unverhoffte Wendungen sind einige der t(r)opoi, die einen epochenübergreifenden Bogen von der rhetorischen Tradition der obscuritas über romantische Konzepte der Unverständlichkeit hinaus bis hin zu poststrukturalistischen Theorien schlagen.Daran anknüpfend hinterfragt die Tagung drei Themenfelder:1) Begrifflichkeit der Unverständlichkeit: Wie wird Unverständlichkeit in slawischen Literaturen begrifflich definiert? Sind slawische Spezifika nachweisbar?2) Produktivität der Unverständlichkeit: Wie wird Unverständlichkeit in slawischen Literaturen verhandelt und erzeugt? Welche t(r)opoi (z.B. Krypta, Labyrinth, Wirbel, Taumel) schaffen hermeneutische Verwirrung und warum?3) Materialität der Unverständlichkeit: Welche Möglichkeiten eröffnen sich der Unverständlichkeit durch die visuelle Materialität der Literatur? Wie wird sie auf der materiellen Oberfläche des Textes – graphisch, typographisch, schriftbildlich – in Szene gesetzt?Mit diesen Schlüsselkomplexen verortet sich die Tagung an der Schnittstelle zwischen Literatur, Rhetorik und Philosophie und stellt einen ersten Versuch dar, das Phänomen der Unverständlichkeit anhand von literarischen Fallbeispielen aus dem Raum des östlichen Europas zu konturieren, ohne die produktiven Zusammenhängen mit anderen europäischen Literaturen auszublenden. Die Tagung versteht sich als Versuch, methodische Ansätze aus den Kultur- und Literaturwissenschaften (Dekonstruktion, Posthermeneutik, Raumtheorien, Materialität des Schreibens) am Phänomen der Unverständlichkeit zu erproben. Das Tagungskonzept schöpft in dieser Hinsicht Anregungen aus grundlegenden Forschungsarbeiten wie z.B. Eckhard Schumachers Die Ironie der Unverständlichkeit (2000) und Moritz Baßlers Die Entdeckung der Textur (2010), die den Begriff in der Breite seiner literaturhistorischen und poetologischen Implikationen aus der Perspektive der Philosophie und der Germanistik beleuchten. Auch posthermeneutische Ansätze, die Dieter Mersch in Posthermeneutik (2010) im kritischen Dialog mit der Dekonstruktion ausarbeitet, gestalten die Denklandschaft über das Unverständliche mit, deren Konturen die Tagung erkunden soll. Wichtige Impulse zum Tagungsthema geben schließlich aktuelle Forschungsprojekte, die den Umgang mit Unverständlichkeit und Unlesbarkeit in antiker Rhetorik und Philosophie (Felix Christen, ZfL Berlin/Universität Zürich), in Literatur-, Kunst- und Philosophiegeschichte (Forschungsgruppe „Inkommensurabilität und Unverständlichkeit“, Universität Stuttgart), in Editionsphilologie (Ringvorlesung „Schreiben als Ereignis“, FU Berlin, 2015) identifizieren und interdisziplinär untersuchen.Mit dem Fokus auf tropologische wie topologische, poetische wie metapoetische, literaturhistorische wie literaturkritische Verhandlungen von Unverständlichkeit im Raum des östlichen Europas widmet sich die Tagung einem bislang kaum untersuchten Komplex in der slawistischen Literaturwissenschaft. Richtet man den Blick auf die slawischen Literaturen, dann entfaltet sich eine breite Palette an historisch wie individuell veränderlichen Schreibstrategien im Modus der Unverständlichkeit, die nicht selten mit programmatischen Reflexionen und literaturkritischen Debatten einhergehen. Polemiken über die Unverständlichkeit künstlerischen Schaffens, – die als Grundfigur der Romantik (F. Schlegel), als Strukturelement der modernen Lyrik (H. Friedrich) und nicht zuletzt als „Paradigma der Kunst der Moderne“ schlechthin (G. Wunberg) gilt –, entzünden sich in den slawischen Literaturen und Kulturen indes auch in anderen historischen Knotenpunkten und werden bis in die Gegenwart fortgesetzt.Die Tagungsergebnisse sollen eine erste Grundlage für komparatistische Bearbeitungen des Themas auch in anderen Philologien bilden. Ziel ist es dabei, die deutsche Slawistik auch in diesen Disziplinen sichtbar zu machen. Aus der Tagung soll ein Sammelband mit ausgewählten Beiträgen in deutscher und englischer Sprache hervorgehen, der der Reihe „Die Welt der Slaven“ im Verlag Harassowitz (Wiesbaden) zur Publikation vorgeschlagen wird. Die Tagung ist Teil einer internationalen Vernetzungsinitiative, im deren Rahmen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus u.a. Bratislava, Innsbruck, Olomouc, Oslo, Poznań, Prag, Prešov und Warschau zu einer zweitägigen Konferenz an die Humboldt-Universität zu Berlin eingeladen werden. Die Tagung soll nicht zuletzt dazu dienen, ein Netzwerk unter den beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland aufzubauen bzw. schon bestehende Kontakte zu festigen und somit die Perspektive einer künftigen Zusammenarbeit zu eröffnen.
Russian Literature · DOI
Canadian Slavonic Papers · DOI
National identity discourses and narratives of history and memory are highly politicized in post-Soviet Belarus. While official narratives stress the idea of brotherhood with Russia and the importance of the Soviet cultural legacy, counter-narratives focus on the idea of a national revival and on mourning for the pre-Soviet past. In the late 1990s and early years of the new millennium, authors of counter-narratives began to work with philosophical models in their rethinking of “Belarusianness.” The peak of this philosophical turn was marked by Ihar Babkoŭ’s Adam Klakotski and His Shadows (2001). Under the influence of post-colonial theory and post-structuralist/deconstructive philosophy, and with the help of narrative fragmentation devices, the novel proposed a unique reconceptualization of Belarusianness. Based on the assumption that every identity has a negative fundament, Adam Klakotski deconstructs the linearity of national(ist) narratives on different levels. In this article, the author analyzes the philosophical aspects of Adam Klakotski and the role the novel has played politically, and he compares it to the works of two other key figures of Belarusian counter-culture: Little Guidebook to the Sun City by Artur Klinaŭ, and Valiantsin Akudovich’s There Is No Me and The Code of Absence.
Zeitschrift für Slawistik · DOI
This paper investigates the tropological structure of Aleksandr Prochanov’s journalistic writing froma deconstructive perspective. The aimof my analysis is to show that the presence of tropes in Prochanov’s journalism cannot simply be explained as a political-ideological manipulation of literary language, as stated by most of the scholars. In my opinion it is connected to the rhetorical nature of language, i. e. to the possibility to speak and write in images and thus to subvert the relation between signified and signifier. As I show in the analysis of the exemplary text Stalin is not bronze but the speed of light, the tropological structure of the language deconstructs not only the text, but the relationship between the author andthe text andthus leads us to a reinterpretationof the literary journalismas such.