Prof. i. R. Dr. Dr. hc. Heinz Schilling
HU-FIS-Profil ↗Vergleichende Untersuchung des Erziehungsgedankens und des Schulwesens der Reformierten im frühneuzeitlichen Europa (16. - 18. Jahrhundert) mit denen der Lutheraner und der Katholiken
Die Sternenkunde der frühen Neuzeit umfasste astronomische wie astrologische Elemente und wurde auch von nicht gelehrten Bevölkerungsgruppen betrieben und alltäglich genutzt. Mit der Gründung der großen Akademien in Europa seit der zweiten Hälfte d. 17. Jh. wurde sie zugleich zu einer Leitwissenschaft dieser nach neuen Inhalten und Methoden strebenden, aber auf traditionelle Spezialisten angewiesenen Institutionen. Viele der dorthin berufenen Astronomen/Kalendermacher arbeiteten noch bis weit ins 18. Jh. mit ihren Familien auch in privaten Haushalten mit populärem Umfeld. Das Projekt fragt nach der Bedeutung einer sternenkundlichen und - im weiteren Sinne - divinatorischen "Kultur der Haushalte" für die Wissensproduktion und entsprechende Wissenshaltungen im Verhältnis zum akademisch-astronomischen Feld. Dazu ermittelt es die beide Felder jeweils strukturierenden sozialen, Arbeits- und Organisationspraktiken und begreift diese als bedeutungstragend, d.h. konstitutiv für je inhärente epistemische Ordnungen: Divinatorische Praktiken rücken so einerseits als gesamtgesellschaftlich effiziente Deutungsmuster in den Blick. In komparativer Perspektive (Berlin, London, später: Bologna) wird andererseits die Einbindung bzw. Ausgrenzung/Entwertung lokaler und personaler "Wissenshaltungen" im Kontext der Divination als wesentliche Momente einer durch die Institution geprägten universalistischen Wissenskultur herausgearbeitet.
Das Teilprojekt Religiöse und säkulare Repräsentationen im frühneuzeitlichen Europa widmete sich in der Laufphase von 2004-2008 der Untersuchung des Wandels religiöser Repräsentationen. Es wurde grundsätzlich ein Bedeutungsverlust des Religiösen festgestellt, aber auch immer wieder eine potentielle Umkehrbarkeit dieser Entwicklung. Vor allem aber wurde deutlich, dass Säkularisierung im frühneuzeitlichen Europa schichtenspezifisch und sektoral zeitlich verschoben und inhaltlich divers ablief: Säkularisierung war also kein linearer Königsweg in die Moderne.Im Folgeprojekt Religiöse und säkulare Repräsentationen in Machtsystemen der Frühen Neuzeit soll dieser Befund durch eine Analyse des Zusammenhangs zwischen politischen Entwicklungen und ihren jeweiligen religiösen wie säkularen Repräsentationen weiter ausgearbeitet werden. Dabei ist von einem Spannungsverhältnis zwischen einer auf lange Sicht zunehmend als autonom verstandenen Sphäre des Politischen und dem Legitimationsbedarf politischer Macht durch religiöse Repräsentationen auszugehen. Wie gestaltete sich das Verhältnis von religiösen und säkularen Repräsentationen angesichts gesellschaftlicher Krisen im Einzelnen? Stellen zum Beispiel politische Umbruchsituationen in der Frühen Neuzeit Weichen für die Visualisierung und Kommunizierbarkeit von Macht? Ist hierbei eine Freisetzung politischer Macht von religiösen Repräsentationen zu beobachten?
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