Prof. Dr. phil. Wolfgang Hardtwig
HU-FIS-Profil ↗Das Projekt untersucht die Konstruktionen und Praktiken von Individualität in einer der wichtigsten Metropolen des 20. Jahrhunderts und kombiniert dazu diskursgeschichtliche und historisch-anthropologische Ansätze. Konkret werden Persönlichkeitsleitbilder insbesondere in der Populärkultur, individuelle Selbstentwürfe und ihre Verwirklichung sowie Schnittstellen und Konflikte zwischen Individuen und Institutionen oder Gruppen erforscht. Quellen sind u.a. Boulevardzeitungen, Selbstzeugnisse und Akten von Unternehmen und staatlichen Stellen. Auf diese Weise können sowohl einzelne Fallbeispiele und Lebensgeschichten als auch übergreifende Problemfelder und Entwicklungen erfasst und analysiert werden.
Ziel der Dissertation ist eine systematische kommunikationsgeschichtliche Untersuchung eines zentralen aber wenig erforschten publizistischen Organs der französischen Aufklärung, der Correspondance littéraire von Friedrich Melchior Grimm. Diese geheime handschriftliche Kultur- und Rezensionszeitschrift wurde unter Grimms Redaktion und unter aktiver Mitwirkung von Diderot, Voltaire u. a. philosophes für einen exklusiv fürstlichen Abonnentenkreis in Mittel- und Osteuropa produziert. Ausgehend von der scheinbar paradoxen Verbindung vom dezidiert aufklärerischen, d.h. weltzugewandten und praxisorientierten Wissenskonzept des Periodikums und der strikten Publizitätsverweigerung, soll das originelle Kommunikationsmodell Correspondance littéraire erschlossen und auf seine Relevanz für das Selbstverständnis und die Praxis der aufklärerischen Gelehrtenrepublik befragt werden. Die Verortung der Correspondance littéraire im Kontext zeitgenössischer Medien intellektueller Kommunikation (Salons, Briefwechsel, Bücher und Periodika) soll darüber hinaus die Fixierung der Aufklärungsforschung auf die räsonierende Öffentlichkeit (Habermas) aufbrechen und eine differenziertere Sicht der Aufklärung als Kommunikationsprozeß erlauben.
Das Promotionsvorhaben beschäftigt sich mit der Verwissenschaftlichung der Charakterse-mantik zwischen 1890 und 1933. Die Leithypothese besteht in der Annahme, daß sich im ers-ten Drittel des 20. Jahrhunderts der einzelmenschliche Charakter als eine fundamentalen Ka-tegorie der Gesellschaft etablierte. Anders als die bürgerliche Kategorie der Subjektivität, über die Individuen Rechte, Handlungs- und Erkenntnisvermögen zugeschrieben wurde, fun-gierte Charakter als Zuschreibungskategorie individueller Eigenschaften. Die wissenschaftli-chen Charakterologien, mit deren Hilfe Menschen als Gesamtpersönlichkeit bewertet wurden, stellten also den erkenntnistheoretischen Grenzfall einer Wissenschaft des Individuellen dar. Zum einen soll gezeigt werden, wie sich die Wissenschaftsförmigkeit der Charakterologien durch einen allgemeinen Trend zur Ästhetisierung und Verlebensweltlichung der Humanwis-senschaften einstellte. Zum anderen wird untersucht, inwiefern es vor allem bildungsbürgerli-che Lebenswelten und Wahrnehmungsweisen waren, die in den Charakterologien objektiviert wurden, und so tradierte Muster sozialer Ungleichheit durch wissenschaftliche Legitimation fortgeschrieben wurden. SubjectivityIndividualityPsychologyCharacter, PersonalityGraphologySubjektivitätPsychologieCharakterGraphologieWeimar RepublicIndividualitätWeimarer Republik
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