Dr. phil. Camilla Bork
HU-FIS-Profil ↗<p>Reinhold Brinkmann mit einem Band zum Thema Musikalische Analyse und kulturgeschichtliche Kontextualisierung zu ehren, scheint auf der Hand zu liegen. Die beiden im Titel zusammengefügten Begriffe markieren nicht nur ein Spannungsfeld, das in der neueren musikwissenschaftlichen Forschung dies- und jenseits des Atlantiks seit den 1980er Jahren Gegenstand kontroverser Diskussionen ist, sondern bilden zugleich die Pole, zwischen denen sich das Nachdenken und Schreiben des Widmungsträgers über Musik seit mehr als vier Jahrzehnten bewegt. Im Zentrum der Reflexion stehen dabei sowohl die Leistungsfähigkeit und Aussagekraft dieser beiden grundlegenden Praktiken der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Musik als auch die Frage, (ob und) in welcher Weise Analyse und kontextorientierte Forschung fruchtbar aufeinander bezogen werden können. Der geplante Band enthält fünf Beiträge von Musikwissenschaftlerinnen und Musikwissenschaftlern der jüngeren Generation, die Brinkmann in Deutschland oder in den USA als inspirierenden Lehrer erlebt haben, sowie einen Aufsatz von Hermann Danuser, dem es zu verdanken ist, dass Brinkmann zusätzlich zu seiner Lehrtätigkeit an der Harvard University noch eine Honorarprofessur an der Humboldt-Universität übernahm.</p> <p>Ziel der einzelnen Beiträge ist es, das Verhältnis und potentielle Zusammenspiel von musikalischer Analyse und kulturgeschichtlicher Kontextualisierung aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Dabei geht es nicht um eine möglichst erschöpfende Behandlung des komplexen Themenfeldes, die im Rahmen eines Bandes von begrenztem Umfang ohnehin nicht zu leisten wäre, sondern um den Versuch, anhand eingegrenzter theoretischer Fragestellungen und ausgewählter Fallsbeispiele einzelne Aspekte der Thematik zu fokussieren. Was sich hinter den Begriffen Kontext und musikalische Analyse jeweils verbirgt, variiert dabei von Autor zu Autor.</p>
Ziel des Projekts ist es, das Ereignis des Virtuosen im 19. Jahrhundert zu erforschen. Dabei wird die Arbeitsthese verfolgt, dass der Virtuose als soziohistorisches Phänomen der Moderne in den Jahren um 1830 überhaupt erst entsteht. Am Beispiel des Gründungsphänomens Niccolò Paganini (1782-1840) und unter vergleichender Hinzuziehung weiterer Violinvirtuosen (Heinrich Wilhelm Ernst, Charles de Bériot und Henri Vieuxtemps), die zur selben Zeit wie Paganini (1830-40) in Paris ihre Virtuosenkarriere verfolgten, gilt es zu untersuchen, welche Praktiken und Diskurse in den drei Untersuchungsfeldern Pädagogik, Konzertpraxis und Kritik mit diesem Musikertypus verknüpft sind. Die Quellenbasis bilden schwerpunktmäßig eine Serie von zehn Konzerten Paganinis in Paris (1831), zu der umfassend Text-, Noten- und Bildquellen auf Informationen zu Konzertpraktiken und auf Deutungsmuster hin untersucht werden, sowie Violinschulen, Erzählungen und Anekdoten zur Figur des Virtuosen. Paris, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Zentrum der Virtuosenkultur gilt, bietet einen einheitlichen Raum, um diese Analyseergebnisse historisch zu kontextualisieren. Ereignis dient dabei sowohl als musikhistoriographische Kategorie, indem die Ereignishaftigkeit einzelner Konzerte und Handlungen in der Rezeption reflektiert wird, als auch als musikanalytischer Ansatz, indem untersucht wird, welche Freiräume die Komposition dem Virtuosen lässt und wie er diese in der Aufführung füllt. Im Gegensatz zu vorliegenden biographischen und violintechnischen Studien zu Paganini und anderen Violinvirtuosen richtet sich das Erkenntnisinteresse des geplanten Projekts nicht auf das biographische Subjekt Paganini, sondern auf den neu entstehenden Musikertypus Virtuose.
Noch keine Publikationen aus OpenAlex zugeordnet.