Paula Bidigarai Diehl
HU-FIS-Profil ↗"Das Projekt widmet sich der Symbolik der Demokratie und untersucht diese in zweierlei Hinsicht: als grundsätzliches Element für die Konstitution des politischen Imaginären und in ihrer Modulierung unter aktuellen massenmedialen Bedingungen, mit besonderer Berücksichtigung der Politiker-Inszenierungen. Die Frage nach der Repräsentierbarkeit moderner Demokratien ist dringender geworden. Sie betrifft nicht nur die Handlungsdimension, sondern schließt v.a. die symbolische Dimension der Politik mit ein. Gerade auf der symbolischen Ebene scheint die politische Repräsentation eine neue Strukturierung zu erfahren. Nirgends lässt sich das Eindringen von Inszenierungs-, Visualisierungs- und Ästhetisierungsprinzipien aus den Massenmedien in die politische Repräsentation der Demokratie besser beobachten als bei der Inszenierung von PolitikerInnen im Fernsehen. Dort sieht man, wie sich von Zeit zu Zeit die Selbstdarstellungen der Politiker von institutionellen sowie politischen Referenzen lösen und sogar selbstreferenzielle und dekonstruierende Dynamiken übernehmen. Sie inszenieren sich nicht als Politiker, sondern als Politiker,<i>die sich selbst inszenieren</i>. Diese Art der Selbstdarstellung werde ich<i>inszenierte Inszenierung</i> nennen. Beispiele dafür liefern Guido Westerwelles Besuch des Big-Brother-Containers oder Gerhard Schröders Auftritt in Gute Zeiten, schlechte Zeiten von 1998. Aktuelle Beispiele etwa von Silvio Berlusconi oder Nicolas Sarkozys Love-Story mit Carla Bruni in den französischen Medien zeigen, dass es sich nicht um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Sogar in der Schweiz findet man Fälle der<i>inszenierten Inszenierung</i>. In Mai 2007 überraschte die damalige Bundespräsidentin, die Sozialistin Micheline Calmy-Rey, mit ihrem Auftritt als Sängerin in einer populären Fernsehsendung. Gemeinsam haben diese Inszenierungen die Distanz und teilweise den ironischen Gestus des politischen Repräsentanten gegenüber seiner Rolle. In dieser Situation sind sowohl die Politikwissenschaft als auch benachbarte Disziplinen wie Soziologie und Kulturwissenschaft mit neuen Faktoren für die Konstitution des politischen Imaginären konfrontiert. Die zunehmende Selbstreferenzialität, Hyperrealität und der spielerische Umgang mit massenmedialen Inszenierungen müssen in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung berücksichtigt werden. Angesichts dieser neuen Faktoren werden grundsätzliche Fragen zur Symbolisierung der Demokratie aktuell. Sie betreffen die (Un-)Möglichkeiten der Symbolisierung von Volkssouveränität in der Demokratie und beziehen sich auf die Reifizierung der Legitimität von Politik durch Symbolisierungsverfahren sowie auf die Herstellung von Repräsentationsmodi, die die Veränderbarkeit der Gesellschaft symbolisch zum Ausdruck bringen können. Es geht um die grundsätzliche Bedeutung der symbolischen Repräsentationsverfahren der Politik für die Konstitution des politischen Imaginären und um die Veränderungen ihrer Modulierung und Strukturen angesichts der aktuellen massenmedialen Bedingungen. Ziel des Forschungsvorhabens ist deshalb, die intrinsischen Beziehungen zwischen symbolischer Repräsentation und Konstitution des politischen Imaginären der Demokratie zu untersuchen, die Rolle der PolitikerInnen als Repräsentanten politischer Institutionen herauszuarbeiten sowie Methoden und Begriffe zu entwickeln, die die politischen Repräsentationsverfahren wie Ästhetisierung, Visualisierung und Inszenierung berücksichtigen."
Populismus und Faschismus haben einiges gemeinsam: sie entstehen beide in Momenten der Krise, richten sich gegen etablierte Eliten, versprechen einen Ausweg aus der mangelnden politischen Repräsentation des Volkes und stützen sich auf die Figur eines charismatischen Führers. Im Zentrum von Populismus und Faschismus steht die Beziehung zwischen Führer und Volk und die Mobilisierung der Masse. Beide politischen Phänomene sind stark mit einander verwoben, doch sie sind nicht identisch. Während der Faschismus populistische Elemente trägt, kann der Populismus faschistische Züge integrieren, wie es beim Rechtspopulismus der Fall ist. Die Beziehungen, Gemeinsamkeiten und Unterscheidungen zwischen Faschismus und Populismus sind daher sowohl auf der theoretischen als auch auf der empirischen Ebene schwer zu benennen.Wie populistisch ist eigentlich der Faschismus? Welche soziopolitischen Merkmale kennzeichnen beide und durch welche unterscheiden sie sich? Schließlich, welche diskursiven, visuellen und symbolischen Elemente können als faschistisch bzw. populistisch bezeichnet werden? Das Projekt Populismus und Faschismus widmet sich auf der inhaltlichen Ebene den Beziehungen und dem Vergleich zwischen Populismus und Faschismus von der Jahrhundertwende bis heute. Es beginnt mit der Frage nach der Unterscheidung und nach den Beziehungen zwischen den beiden politischen Phänomenen.Auf der organisatorischen Ebene wird dadurch der wissenschaftliche Austausch und ein Netzwerk in einem interdisziplinären und internationalen Rahmen gefördert werden. Populismus und Faschismus ist das erste gemeinsame Projekt des Lehrstuhls für Politische Theorie des Instituts für Sozialwissenschaften der Humboldt Universität zu Berlin und des Dipartimento di Politica, Istituzioni, Storia der Universität Bologna. Anschließend wird die Zusammenarbeit zum Thema im Rahmen des Drei-Länder-Programms an der Villa Vigoni intensiviert.
Politische Repräsentation gehört zu den wichtigsten Begriffen der politischen Theorie. Doch meist wird der Begriff im Sinne von Vertretung verwendet. Dies missachtet, dass politische Repräsentation eine Symboldimension hat (Göhler). Ziel des Projekts ist die Konzeptualisierung der politischen Repräsentation als symbolische Repräsentation. Dazu gehört auch die Überprüfung des Konzepts auf empirischer Ebene und zwar sowohl in historischer als auch in aktueller Hinsicht. Die Berücksichtigung der historischen Entwicklung politischer Symbolik und der massenmedialen Wirkung auf die politische Repräsentation ist dafür zentral. Das Projekt nimmt die Perspektive der „histoire croisée“ ein und stellt die anglosächsische, deutsche und französische Traditionen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in einen Diskussionskontext. Doch die politischen Ideen entstehen mit und generieren zugleich Repräsentationsverfahren wie Visualisierung, Ästhetisierung, Inszenierung und Ritualisierung. Für die Untersuchung bedeutet dies, dass beide Ebenen mit einander verbunden analysiert werden müssen. Die Entwicklung, die sie zeichnen, zeigt auch die Entwicklung der Etablierung moderner Demokratien. Dabei geht das Projekt eine multiple Perspektive ein. Politische Philosophie, Rechtswissenschaft und Theorie der politischen Institutionen sind nicht die einzigen Standpunkte, von denen aus die politische Repräsentation betrachtet wird. Die Untersuchung der symbolischen Dimension der politischen Repräsentation schließt auch die philosophischen Auseinandersetzungen mit der Begriffspluralität der Repräsentation als Darstellung, Vorstellung, Abbild oder Vergegenwärtigung mit ein. Auch die soziologische, geschichts- und kulturwissenschaftliche Herangehensweise wird gewählt, um die symbolische Praxis der Politik zu untersuchen. Die „perspective croisée“ betrifft ebenso die Disziplinarität des Projekts. Am Ende soll ein transdisziplinärer Ansatz zur politischen Repräsentation herausgearbeitet werden, der einen Beitrag sowohl für die Politikwissenschaft als auch für die benachbarten Disziplinen leistet.
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