Prof. Dr. phil. Horst Wenzel
HU-FIS-Profil ↗In der Phase der Verschriftlichung der Volkssprachen gilt auch der Text als Corpus und diese Einschätzung wirkt bis heute nach (Kopfleiste, Fußnote, Rücken). Dazu gibt es Parallelen in sog. einfachen Ethnien, für die die verschriftete Stimme vom Körper noch nicht abstrahierbar ist: Wo eine Stimme ist, muß auch ein Körper sein. Ist die Stimme im Buch, ist auch der Körper im Buch, wie viele Darstellungen zeigen. Im Mittelalter wird diese Auffassung durch das Christentum kanonisiert, denn das Wort ist Fleisch geworden, Lesen und Schreiben sind Verfahren der Inkorporation und Exkorporation. Das Evangelium, aber auch das Rechtsbuch und danach die Codices der höfischen Literatur, können als Schrein verstanden werden(vgl. die Prachteinbände). Wenn diese ,Schreine' geöffnet werden, werden sie zu Schauräumen, die die Choreographie der Körper zeigen. Unter dieser Voraussetzung ist die Interaktion mit dem Buch eine Interaktion zwischen Personen (wie die eines Betenden mit der Ikone der Maria).Eine Poetik, die zur Grundlage hat, daß Literatur die Interaktion von Körpern fortsetzt,kann Fühlbarkeit und Geruch nicht rekonstruieren, aber Sichtbarkeit, Hörbarkeit unddynamischen Nachvollzug (Teilhabe) zu ihrer Grundlage machen. Die Alterität desLiteraturbegriffes vor Alberti (Zentralperspektive), vor Gutenberg (Buchdruck) und Luther (Buchstabe versus Bild) liegt unserer Forschungsperspektive zugrunde.
In dem Projekt geht es darum, die Loslösung der Symboltechniken vom Körper als Vorbedingung ihrer technischen Umsetzung als Ordnungsinstrumente zu analysieren, damit aber auch ihre Bindung an den Körper, insbesondere an die Hand zu untersuchen. Die Verknüpfung von Hand, Text, Bild und Zahl als eine Vorform technologisch vermittelter Audiovisualität soll einsichtig werden. Der Projektleiter ist bereits dem Zusammenhang von Hand-schrift und Hand-werk (poiésis und techné), vorwiegend an Handgebärden in weltlichen und religiösen Text- und Bildzeugnissen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit nachgegangen. Im Fokus unserer Aufmerksamkeit stehen nun die Handlungen/HAND-habungen, die in Text und Bild sichtbar gemacht werden, wobei die Distribution des Wortes und ihre technische Visualisierung (unter Verwendung von Bild, Schrift und Zahl) unser eigentliches Thema sein soll. Das Projekt will damit Bausteine für eine Geschichte der Kulturtechniken des Lesens, Zählens und Zeigens liefern.
Mittelalterliche Historiographie verlangt den Augenzeugen (Isidor von Sevilla: audire et videre), der Augenzeuge gilt auch für die frühe volkssprachliche Literatur als Garant einer tatsächlichen oder fingierten historischen Erzählung (Trojaromane, Nibelungenlied). Daraus ergibt sich die Frage nach dem Leser als Augenzeugen zweiter Ordnung, dem etwas gezeigt, vor Augen gestellt werden soll. Szenen und Gebärden, die Einsichtnahme in geschlossene Räume, wechselnde Blickpunkte, Schnitte von der Weite zur Nähe, Fenster, Assistenzfiguren erleichtern und lenken die Imagination. Es geht darum, die Konstruktion der literarischen Schauräume nach ihrer Regelhaftigkeit zu erkennen und den Leser/Hörer als virtuellen Zuschauer zu verstehen. Mit dieser Aufgabenstellung wird ein Beitrag zur Poetologie und zu den Wahrnehmungsdispositionen vor dem Zeitalter der Zentralperspektive angestrebt, der literarhistorische, kunsthistorische und mediengeschichtliche Fragestellungen aufnimmt.
Noch keine Publikationen aus OpenAlex zugeordnet.