Prof. Dr. phil. Thomas Macho
HU-FIS-Profil ↗Das Projekt bezweckt eine exemplarische Untersuchung der Verschränkungen und Wechselwirkungen von Bild, Schrift und Zahl in den Kulturtechniken der Synchronisation. Dabei sollen besonders auch historische Gewichtsverschiebungen und Interferenzen zwischen den Techniken der Zeitrechnung und der Zeitmessung analysiert werden. Im Erstantrag stand der Kalender als spezifische Kulturtechnik der Synchronisation im Zentrum. Nun sollen auch die seit der Gregorianischen Reform von 1582 zunehmend auftretenden Perspektiven und Problemhorizonte zeitlicher Synchronisation in der Moderne genauer beleuchtet werden. Um das Spektrum der Verschiebungen und Interferenzen zwischen Zeitrechnung und Zeitmessung in den Techniken der Synchronisation präzise erfassen zu können, werden drei zentrale, epochentypische Beispiele der Synchronisation herausgegriffen und insbesondere hinsichtlich ihrer Visualisierungsstrategien in Bildern, Texten und mathematischen Operationen untersucht: erstens die Kulturtechniken der Synchronisation von Lunar- und Solarzyklen in den alten Hochkulturen, unter vorrangigem Bezug auf die Durchsetzung verbindlicher Sonnenkalendersysteme (Stichwort: »Solarisierung«), zweitens die Kulturtechniken der Synchronisation zyklischer und linearer Systeme der Zeitrechnung, also die gesamte Problematik der Großperiodenrechnung in Kalendersystemen von der Spätantike bis zur frühen Neuzeit (Stichwort: »Großes Jahr«), sowie drittens die Kulturtechniken der Synchronisation in der Moderne, wobei hier ein Schwerpunkt gelegt wird auf die apparativen Techniken der Synchronisation von Prozessen und Aufzeichnungen dieser Prozesse, von der Bildtelegraphie bis zur Taktung von Computern (Stichwort: »Selbstschreiber«).
Das Ziel des Teilprojekts besteht in der exemplarischen Erforschung und Darstellung einer Kulturgeschichte des Kalenders unter dem Gesichtspunkt der Integration von Bild, Schrift und Zahl. Ein erster Schwerpunkt der Projektarbeit soll dem Zusammenhang zwischen Astronomie und Geometrie (in der griechischen Antike), sowie den kalenderpolitischen Aktivitäten im Imperium Romanum (vorrangig nach der Julianischen Kalenderreform) gelten. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf den Übergang von der spätmittelalterlichen Computistik zur astronomischen Bildersprache der Renaissance gelegt, ein dritter Schwerpunkt auf die Problematik alternative, künftiger Kalendersysteme. Insgesamt wird angestrebt, die wissenschafts- und kulturgeschichtlichen Impulse der Kalenderrechnung an ausgewählten Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart zu dokumentieren.
Kulturelle Identitäten konstituieren sich als Raumordnungen, aber auch als Zeitordnungen. Bisher wurde die Geschichte topologischer Konstruktionen kultureller Identität sei es in den älteren Imperien oder in den nationalistischen Bewegungen der Moderne sehr viel genauer erforscht als die temporalen Konstruktionen kultureller Identität durch Kalender oder Chronologie. Dabei ist durchaus bekannt, welches Gewicht etwa dem Sonnenkalender im römischen Reich zuerkannt wurde; ebenso bekannt ist, dass die beiden wichtigsten Revolutionen der letzten zwei Jahrhunderte ihre Bedeutung auch durch den jeweiligen Entwurf eines neuen Kalenders manifestieren wollten (wenngleich mit geringem Erfolg). Das Projekt bezweckt die Untersuchung der Transformationsgeschichte antiker Chronologie und Epocheneinteilungen. Im Zentrum des Interesses stehen die historisch variablen Strategien zur Verortung und Konstruktion von Kulturen in der Zeit. Dabei sollen in historischen Querschnitten die Wechselwirkungen von Zeitrechnung und mythischer Narration erforscht werden (im Sinne einer history of knowledge): etwa die Konzeption von Zyklen oder Progressionen, sowie deren Modellierung als Fortschritt oder Verfall. Herausgearbeitet werden sollen die Beiträge der Konstruktion von Chronologien und Epochen zum Aufbau kultureller Selbstbilder. Was bedeutet es beispielsweise für eine Kultur, sich selbst als späte Erbin eines »goldenen Zeitalters« oder umgekehrt als Instanz der Überwindung einer barbarischen Vorzeit zu charakterisieren? Was bedeutet es, wenn sie die Geschichte als Zyklus (etwa von Weltaltern) oder als Progression (sei es als Fortschritt oder Niedergang) konzipiert? Besondere Aufmerksamkeit soll im Projekt einerseits dem Übergang von antiker Universalgeschichte zu christlicher Weltchronistik, andererseits dem Übergang von christlicher Weltchronistik zu neuzeitlicher Universalgeschichte gewidmet werden, und zwar auch im Zusammenhang mit der Frage nach den Gründen für die Durchsetzung der christlichen Zeitordnung als inzwischen weltweit gültiger Matrix der Zeitrechnung und der historischen Wissenschaften. Modernisierung (als Globalisierung) bedurfte auch einer Vereinheitlichung temporal-chronologischer Ordnungssysteme.
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