Prof. Dr. phil. Friedbert W. Rüb
HU-FIS-Profil ↗Den Regierungsprogrammen und Äußerungen von Politikern am Beginn jeder neuen Legislaturperiode zufolge müssten Politikwechsel an der Tagesordnung sein. Die Analysen in Wissenschaft und Publizistik identifizieren im Gegensatz dazu jedoch Reformstau und Reformblockaden. In der Politikwissenschaft gelten Politikwechsel somit als sehr unwahrscheinlich. Die Theorien über Vetospieler, „blame avoidance“, Koalitionstendenzen und Pfadabhängigkeiten generieren eine Art Unmöglichkeitstheorem des Politikwechsels. Gerade die Bundesrepublik Deutschland gilt im Licht dieser Theorien als reformresistent. Trotzdem haben in den letzen Jahren einschneidende Politikwechsel stattgefunden. Hier will die Tagung ansetzen und sich besonders aus der Perspektive der Policy-Analyse mit folgenden tiefreichenden Politikwechseln auseinandersetzen: <ul><li> Energiewende </li><li> Grundlegende Veränderungen in der Familienpolitik </li><li> Einführung des Gesundheitsfonds in der Krankenversicherung </li><li> Hartz-Reformen </li><li> Massive Staatsverschuldung durch Bankenrettung und Eurokrise </li><li> Rentenreform </li><li> Bundeswehrreform und Interventionspolitik </li></ul> Die Beiträge sollen in einem ersten Schritt auf der Tagung als Vorträge präsentiert und in einem zweiten Schritt als Beiträge eines Sammelbandes beim Nomos-Verlag herausgegeben werden. Zudem ist geplant, eine englischsprachige Publikation bei einem noch zu findenden Verlag anzustrengen.
Zwischen der Klima-, Energie-, Verkehrs- und Verbraucherpolitik bestehen zunehmend Wechselwirkungen. Seit dem Weltwirtschaftsforum 2011 wird der Nexus zwischen Politikfeldern als zentrale gesellschaftliche Herausforderung begriffen. Im Nexus sind Akteure mit komplexen Wissens- und Koordinierungsproblemen konfrontiert. Seit einigen Jahren beobachten wir jedoch auch neuartige Formen der Abstimmung zwischen wissenschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, etwa durch Trialoge oder interaktive Assessments. Dort geht es darum, den Herausforderungen des Nexus durch wissenschaftlich valides und zugleich politisch anwendbares Wissen zu begegnen. Im Zentrum des Projekts steht die vergleichende Analyse solcher Formen von Expertise im Nexus. Auf der Grundlage von Netzwerkanalysen und Interviews werden im Projekt zwei Ziele verfolgt: Erstens soll die in Deutschland bestehende Nexus-Expertise mit ihren jeweiligen Organisationsprinzipien, Zielen und Beziehungsstrukturen in Form einer Nexuskartographie erfasst werden. Zweitens sollen auf dieser Grundlage und anhand ausgewählter Fallstudien Erkenntnisse über die für unterschiedliche Expertiseformen jeweils spezifischen Ausprägungen von Nexusfähigkeiten („nexus capabilities“) gewonnen werden. Die Ergebnisse sind für die Expertiseforschung wie auch für die Policy- und Governanceforschung von Bedeutung. Zugleich dient das Projekt der Entwicklung einer praxistauglichen Nexusmethodologie, die für Expertise im Nexus unterschiedliche Organisations- und Entwicklungsmöglichkeiten ausweist und systematisch mit den jeweils zu erwartenden Nexusfähigkeiten, aber auch Nexusproblemen und Nichtwissensbereichen verbindet.
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