Dr. agr. Norbert Hirschauer
HU-FIS-Profil ↗<p>Nahrungsmittelrisiken können in sog. technologische und moralische Risiken unterteilt werden. Unter ersterem versteht man Risiken, die durch Informationsdefizite bzgl. der Auswirkungen aktueller Produktionsverfahren bzw. durch technisches oder menschliches Versagen in der Produktion entstehen. Moralisches Risiko (Moral Hazard) bezeichnet dagegen Situationen, in denen es zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit gefährlicher oder unerwünschter Lebensmitteleigenschaften kommt, weil Akteure der Wertschöpfungskette zu ihrem Vorteil gegen Normen verstoßen (opportunistisches Verhalten).</p> <p>Grundsätzlich besteht die Gefahr von Moral Hazard in der Nahrungsmittelproduktion immer dann, wenn Informationsasymmetrien zwischen den Handelspartnern bestehen und wenn Normverstöße (opportunistisches Verhalten) gemäß individuell-betriebswirtschaftlichem Kalkül rentabel sind. In Abhängigkeit von der Präferenzstruktur (Werteeinstellung) der jeweiligen Akteure und der Existenz Norm stützender protektiver Faktoren sind bei Vorliegen fehlgeleiteter ökonomischer Anreize in unterschiedlichem Maß Verstöße gegen gesetzliche Vorschriften bzw. gegen vertragliche Absprachen zu erwarten.</p> <p>Vor diesem Hintergrund sind aus Sicht des Verbraucherschutzes folgende Fragestellungen zu untersuchen: (i) Wo sind innerhalb dieser Wertschöpfungsketten in der Ernährungswirtschaft die ökonomischen Anreize für opportunistisches Verhalten der beteiligten Akteure besonders hoch? (ii) Wie verhalten sich verschiedene Akteure angesichts fehlgeleiteter ökonomischer Anreize tatsächlich? (iii) Wie kann durch (Präventions-) Maßnahmen der Betroffenen (Handelspartner, Staat, Konsumenten) gegengesteuert werden?</p> <p>Das aus Mitteln der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) finanzierte Verbundforschungsprojekt hat sich zur Aufgabe gesetzt, einen Beitrag zur Verbesserung des Verbraucherschutzes im Bereich Mastgeflügel zu leisten. Ziel des Projektes ist es, die Ursachen und Bedingungen des Entscheidungsverhaltens der Akteure auf den verschiedenen Stufen der Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Mastgeflügel zu analysieren und Präventionsempfehlungen zur Vermeidung von zukünftigen Normbrüchen abzuleiten. Das Design aussichtsreicher Maßnahmen zur Prävention von Normbrüchen macht einen interdisziplinären Ansatz erforderlich, bei dem eine ökonomische Analyse durch eine sozialwissenschaftliche Analyse ergänzt wird. Die damit verbundenen Aufgaben werden vom Fachgebiet Allgemeine Betriebslehre des Landbaus der Humboldt-Universität zu Berlin und vom Institut für Kriminologische Sozialforschung (IKS) der Universität Hamburg wahrgenommen. Das Projekt gliedert sich in folgende Teilbereiche:</p> <p>Teil A umfasst die Identifikation und Analyse potenzieller Normverstöße.Im Rahmen einer positiven Analyse werden Schwachstellen entlang der betrachteten Wertschöpfungsketten konventionelles Geflügel und Öko-Geflügel identifiziert. Dazu werden die wirtschaftlichen Einflussgrößen auf die Entscheidungssituationen der jeweiligen Akteure (von der Futtermittelherstellung bis zum Lebensmitteleinzelhandel) erfasst und auf ökonomische Anreize für Normverstöße analysiert. Komplementär dazu werden die Präferenzstrukturen der Akteure und soziale Verhaltensdeterminanten untersucht. Dies ist erforderlich, da Entscheidungshandeln nicht nur von ökonomischen, sondern auch von identitäts-, wert- und affektbezogenen Parametern abhängt und sich Akteure in einer Vielzahl von Fällen entgegen der rein ökonomischen Rationalität für die Befolgung der Normen entscheiden. Im Ergebnis sind die Ursachen des Entscheidungsverhaltens maßgeblicher Akteure bekannt. Es liegen z.B. Listen von Schwachstellen vor, die aufzeigen, wo die höchsten ökonomischen Anreize für Verstöße mit fehlender Akzeptanz der Normen und fehlenden Faktoren sozialer Kontrolle zusammenfallen.</p> <p>Teil B umfasst die Ableitung effizienter Präventionsmaßnahmen. Im Rahmen einer normativen Analyse wird untersucht, an welchen Stellen konkrete Veränderungen der Rahmenbedingungen im Sinne einer effizienten Prävention sinnvoll und machbar sind: (i) Aus ökonomischer Sicht geht es darum, fehlgeleitete monetäre Anreize abzubauen. Beeinflussbare Größen sind hierbei z.B. Kontrollintensitäten sowie Sanktionshöhen, die vom Gesetzgeber festgelegt werden, aber auch Maßnahmen zur Verbesserung der Rückverfolgbarkeit und zur privatrechtlichen Durchsetzung vertraglicher Vereinbarungen. (ii) Aus sozialwissenschaftlicher Sicht geht es um die Frage, wie außerökonomische Anreize zur Normeinhaltung (protektive Faktoren) verstärkt werden können. Die Lokalisierung protektiver Faktoren gegen ökonomische Verlockungen ermöglicht die Formulierung von Optionen ihrer systematischen politisch-administrativen Förderung. Bei der Ableitung von Präventionsempfehlungen werden die ökonomischen und kriminologischen Befunde gleichzeitig berücksichtigt; d.h. es werden gezielt in sich stimmige Maßnahmen zum Abbau fehlgeleiteter ökonomischer Anreize und zur Stärkung protektiver Faktoren identifiziert.</p> <p>Teil C umfasst die Entwicklung von Verfahrensrichtlinien. Um das aus dem Gesamtprojekt gewonnene prozedurale Wissen auch für andere Untersuchungsbereiche verfügbar zu machen, wird in einem ergänzenden Schritt ein Leitfaden entwickelt. In diesem werden die generalisierbaren Ablauferfordernisse systematischer Moral-Hazard-Analysen im Nahrungsmittelbereich erfasst. Dadurch wird ein Beitrag zur Früherkennung von verhaltensinduzierten Lebensmittelrisiken und zur Effizienzsteigerung staatlicher Maßnahmen des Verbraucherschutzes in anderen Wertschöpfungsketten geleistet.</p>
<p>Malpractice in production entails unacceptable technological procedures and increased risks of adverse outcomes for trading partners and the society. Despite their physical implications, behavioural risk sources in economic relationships are known as moral hazards. They can be seen as social dilemmas originating from negative externalities caused by the breaking of rules designed to prevent them. The probability of malpractice increases with misdirected economic incentives, i.e. the expected profit it is able to produce. It decreases with bonds to norms that prevent producers from giving way to economic temptations.</p> <p>Despite a growing societal awareness, little research has been done on the conditions of rule-abiding and rule-breaking behaviour in food production contexts characterised by asymmetric information and conflicting interests. Consequently, large knowledge gaps persist on decision-making processes and on identifying and curbing behavioural food risks. The project aims to assess how a microeconomic empirical analysis of the actors incentives can be combined with an analysis of institutional environments, thus contributing to the understanding of decision-making in food businesses and of the making and changing of institutional environments.</p>
Noch keine Publikationen aus OpenAlex zugeordnet.