Dr. rer. nat. Benedikt Reuter
HU-FIS-Profil ↗Störungen der Handlungskontrolle sind eine wichtige Komponente von Erklärungsmodellen für Schizophrenie (SZ) und Zwangsstörungen (OCD). Zur Aufklärung beeinträchtigter Mechanismen sind Augenbewegungsaufgaben besonders geeignet, weil sie relativ wenige neuropsychologische Funktionen beanspruchen. Neuere Forschung lässt vermuten, dass Leistungsdefizite in Antisakkaden- und anderen Augenbewegungsaufgaben eine fundamentale Beeinträchtigung von Willkürhandlungen widerspiegeln. Diese kann als Defizit in der Reaktionsselektion bei SZ und bei OCD beschrieben werden. Es gibt jedoch Hinweise, dass den Leistungsdefiziten in beiden Gruppen unterschiedliche Mechanismen zugrunde liegen. Bei SZ zeigt sich das Defizit bereits bei der Aktivierung vorbereiteter Reaktionen. Dagegen könnte das Defizit bei OCD auf Situationen beschränkt sein, in denen zwischen mehreren Reaktionen entschieden werden muss. Das Projekt soll diese Hypothesen prüfen. In Studie 1 werden verfeinerte Sakkadenaufgaben benutzt, um frühere Befunde einer verlangsamten volitionalen Sakkadeninitiierung bei SZ und OCD zu replizieren und die Hypothese zu prüfen, dass die Anforderung einer Entscheidung zwischen verschiedenen Reaktionen in beiden Gruppen eine unterschiedliche Rolle spielt. Studie 2 soll prüfen, ob sich ein Reaktionsselektionsdefizit von SZ-Patienten auch bei anderen Reaktionsmodi nachweisen lässt. Bei manuellen Reaktionszeitaufgaben wird das lateralisierte Bereitschaftspotential abgeleitet, um die Dauer von Reaktionsselektionsprozessen zu messen.
Das vorgestellte Projekt untersucht Beeinträchtigungen der willentlichen Handlungskontrolle bei Patienten mit Schizophrenie (SZ) oder Zwangsstörungen (OCD). Frühere Studien haben gezeigt, dass SZ-Patienten im Vergleich zu Gesunden größere Latenzen bei willkürlichen Sakkaden jedoch nicht bei reizgesteuerten Sakkaden haben. In Übereinstimmung mit bekannten Schizophrenie-Theorien könnten diese Befunde ein Defizit in der willkürlichen Initiierung von Handlungen widerspiegeln. Um diese Annahme zu validieren, sollten im ersten Teil des Projektes die früheren Befunde repliziert, die Rolle endogener Aufmerksamkeitsprozesse untersucht und elektrophysiologische Indikatoren einer verlangsamten Initiierung von Handbewegungen überprüft werden. Zusätzlich wurden vorläufige Hinweise auf ein ähnliches Defizit bei Patienten mit OCD aufgegriffen und spezifische Hypothesen zur volitionalen Sakkadengenerierung bei dieser Patientengruppe überprüft. In drei Studien wurde gezeigt, dass 1.) Willkürsakkaden auch bei Patienten mit Zwangsstörungen verlängerte Latenzen aufweisen, 2.) eine erhöhte Latenz des lateralisierten Bereitschaftspotenzials (LRP) bei SZ-Patienten eine verlangsamte Initiierung von Handbewegungen widerspiegelt sowie 3.) endogene Aufmerksamkeitsprozesse und willkürliche Sakkadeninitiierung dissoziierbar sind. Jedoch konnte der Befund, dass SZ-Patienten vergößerte Willkürsakkadenlatenzen aufweisen, nicht repliziert werden. Ein Vergleich mit der Literatur lässt vermuten, dass das Ausblenden eines zentralen Fixationsreizes, das in dieser Studie als imperativer Reiz verwendet wurde, das vermutete Defizit in der volitionalen Sakkadeninitiierung kompensieren kann. Im Verlängerungsantrag wird vorgeschlagen, dass diese Hypothese durch Untersuchung des bekannten fixation offset effect (FOE) bei SZ-Patienten, OCD-Patienten und gesunden Kontrollpersonen untersucht werden soll. Weitere neue Experimente beziehen sich auf die Hypothese, dass Beeinträchtigungen in der willkürlichen Sakkadeninitierung darauf basieren, dass die Patienten Defizite aufweisen, ihre (okulomotorische) Handlungsbereitschaft anzupassen. Schließlich soll die Annahme einer beeinträchtigten willkürlichen Handlungsinitiierung bei Zwangspatienten durch Messung von LRPs in manuellen Reaktionsaufgaben überprüft werden.
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