Stefano de Bosio erforscht die frühneuzeitliche Kunstbeschreibung als historische Sprachpraxis, insbesondere wie Kunstwerke im 17. und 18. Jahrhundert durch Sprache räumlich vermittelt wurden. Sein Fokus liegt auf lateraler Deixis – also der sprachlichen Markierung von „links" und „rechts" – als rhetorisches und kognitives Verfahren, das Betrachterpositionierung und Wahrnehmungserfahrungen prägte. Die Forschung verbindet Literaturwissenschaft mit Kunstgeschichte und zeigt, wie Sprache historisch Orientierung und Sichtweise strukturierte. Für Archive, Museen und Kulturinstitutionen bietet dieser Ansatz neue Methoden, um historische Kunsttexte zu analysieren und Ausstellungskonzepte zu entwickeln, die Betrachterpositionierung bewusst gestalten.
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Stefano de Bosio
HU-FIS-Profil ↗Das Projekt untersucht die frühneuzeitliche Kunstbeschreibung als eine historisch situierte Praxis, die räumliche Orientierung, Betrachterpositionierung und Wahrnehmungserfahrungen wesentlich durch Sprache prägte. Im Mittelpunkt stehen das 17. und 18. Jahrhundert. Analysiert wird, wie laterale Deixis – verbale Verweise auf „links“ und „rechts“ – als rhetorisches und kognitives Verfahren in Kunstbeschreibungen wirkte. Daraus ergibt sich die zentrale Forschungsfrage: Wie wurde laterale Deixis in der frühneuzeitlichen Kunstliteratur genutzt, um räumliche Orientierung zu strukturieren, die Positionierung der Betrachter:innen zu bestimmen und die Ontologie des Bildes zu gestalten? Auf der Grundlage eines mehrsprachigen Textkorpus – mit Autoren wie Giovan Pietro Bellori, Denis Diderot und den Schlegel-Brüdern sowie weniger bekannten Stimmen – zielt das Projekt auf vier zentrale Ergebnisse: (1) eine systematische Typologie lateraler Deixis in Kunstbeschreibungen, die betrachterbasierte von werkbasierten Orientierungsstrategien unterscheidet; (2) ein vertieftes Verständnis dafür, wie diese deiktischen Muster historisch spezifische Formen der Auseinandersetzung mit Kunstwerken prägten – von immersivem Eintauchen bis zu distanzierter Beobachtung; (3) ein differenziertes Bild davon, wie diese Strategien in unterschiedlichen Epochen, Sprachen und sozialen Kontexten adaptiert wurden, einschließlich ihrer Verschränkung mit geschlechtsspezifischen Wahrnehmungsweisen und rhetorischen Traditionen; (4) neue Einsichten in den ontologischen Status von Kunstwerken, indem gezeigt wird, wie deiktische Praktiken diese als belebte Körper, performative Räume oder epistemische Objekte innerhalb frühneuzeitlicher Regime von Bildlichkeit und Wissen konfigurierten. Methodisch verbindet das Projekt die kritische Analyse historischer Texte mit linguistischer Annotation, digitaler Korpusanalyse und kontextuellen Ansätzen aus Kunstgeschichte und Kulturanthropologie. Ziel ist eine historische Untersuchung von Orientierung an der Schnittstelle zwischen Kunstwerken, Künstlern und Betrachtern – sowie zwischen Autoren und Lesern, ihren mentalen Bildern und imaginativen Rahmen. Durch die Analyse der Rolle des Körpers in der sprachlichen Formung der Bildorientierung eröffnet das Projekt neue empirische und theoretische Einsichten in die Kunstbeschreibung als eine Praxis, in der Sprache den Sehakt inszeniert, strukturiert und performativ vollzieht. Damit entstehen neue transdisziplinäre Perspektiven auf die historischen Dynamiken des Sehens und auf die rhetorische Konstruktion künstlerischer Agency. Dieser konzeptionelle Ansatz wirft nicht nur neues Licht auf das frühneuzeitliche Kunstschreiben, sondern positioniert sich zugleich in aktuellen Debatten über Medialität und verkörperte Wahrnehmung – und gewinnt besondere Relevanz als Teil einer kritischen Genealogie in einer Zeit, in der KI-gestützte Text-zu-Bild-Modelle Sprache erneut zum Verfahren der Bildgenerierung machen.
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