Dr. Sophie Ledebur erforscht die Wissensgeschichte statistischer Erfassung, insbesondere die Entstehung und Funktionsweise der Dunkelziffer im 19. Jahrhundert – also jener Phänomene, die sich dem offiziellen Wissen entziehen, aber dennoch als real angenommen werden. Ihr Fokus liegt auf der historischen Analyse, wie Gesellschaften mit unsichtbaren oder verborgenen Daten umgehen und diese in Wissensproduktion einbeziehen. Für Behörden, Statistikämter und Forschungseinrichtungen ist diese Expertise relevant, um zu verstehen, wie Dunkelfeldstudien entstanden sind und wie man heute mit unvollständigen oder verborgenen Daten umgeht – ein Problem, das bei Kriminalstatistik, Epidemiologie und anderen Bereichen der empirischen Sozialforschung zentral ist. Die Arbeiten verbinden Geschichtswissenschaft mit Epistemologie und bieten Grundlagen für eine kritische Reflexion statistischer Methoden.
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Dr. Sophie Ledebur
HU-FIS-Profil ↗Unter Dunkelziffer versteht man im Allgemeinen ein der Statistik verborgenes, aber dennoch als real angenommenes Geschehen. Sie bezeichnet etwas, das sich dem allgemeinen Wissen tendenziell entzieht und angsteinflößend wirkt. Um ein Bild vom Ausmaß tatsächlich begangener Straftaten zu erlangen, werden in Deutschland seit zwei Jahrzehnten Dunkelfeldstudien erhoben. Zu diesen im Verbund von Politik und Wissenschaft erstellten Programmen zählen der Erste und Zweite Periodische Sicherheitsbericht, das Barometer Sicherheit in Deutschland und das Victimisation Survey Module.Entgegen deren aktueller Konjunktur liegen jedoch die Geschichte dieses „Wissens im Entzug“ und dessen epistemologische Implikationen weitgehend im Dunklen. Gegenstand des Forschungsvorhabens ist eine Figur des Nicht/Wissens, mit der konkrete Forderungen und weitreichende Handlungen verknüpft sind. Die Bedeutung und die Verhandlung dieser Figur des Verdachts ist als konstitutiver Bestandteil der Wissensgeschichte in den Blick zu nehmen. Konkret am Material nachzuzeichnen ist, wie das Phänomen der unbekannten Tat zu einer research area avancieren und Interventionsfelder eröffnen konnte.Die Sorge um eine Entkoppelung realer Vorkommnisse von ihrer faktischen Erfassbarkeit datiert zurück bis in das 19. Jahrhundert. Anhand von drei Fallstudien sind je unterschiedliche Reichweiten der Erfassung auszuleuchten. Untersucht werden soll auf städtischer Ebene (Berlin) das Bestreben die geheime Prostitution zu erfassen, auf landesweiter Ebene (Preußen) die Suche nach dem Ausmaß der als potentiell gefährlich angesehenen Geisteskranken und auf reichsweiter Ebene (Deutsches Reich) die angestrebte Erfassung einer ‚Kriminalitätswirklichkeit’. Die gewählten Fallstudien erschließen Interventionszonen an den Schnittstellen von Kriminalwissenschaft, Gesundheitspolitik, Verwaltung, Polizei, Armen- und Wohlfahrtswesen aus der Perspektive eines Nicht/Wissens.Ziel des Projektes ist es, eine Geschichte der Durchwaltung unter dem Vorzeichen der Gefahr zu schreiben. Die Analyse der Fallstudien folgt vier, eng aufeinander bezogenen Schwerpunktsetzungen: Erstens interessiert die Emergenz dieser Nicht/Wissensfigur, ihre Funktionslogiken und epistemologischen Implikationen. Die zeitgenössische Suchbewegung, die sich auf gefahrenumwobene, in der Mitte des gesellschaftlichen Lebens vermutete Bereiche richtete, ist zweitens nicht abzulösen von den Techniken der Kartographierung eines unbekannten Territoriums, die eine neue Form von Sichtbarkeit des ‚Wesens’ sozialer Kollektive herzustellen strebten. Ausgehend von der Interdependenz von Wahrnehmungs- und Entscheidungsformen interessiert drittens, auf welche Weise die Praktiken des Erhebens die Gegenstände ihres Interesses mitbestimmten. Viertens ist der Einsatz des unsicheren Wissens in Wechselwirkung mit den daran geknüpften Forderungen und Maßnahmen zu analysieren.
Crime Histoire et Sociétés · DOI
Undetected and unreported crime are among the most pressing challenges of crime statistics. Since the late 1960s and early 1970s, victim surveys and self-report surveys have helped to paint a clearer picture of the social reality of crime, and in modern criminology such tools are now state of the art. Yet despite the current boom in survey-based methods, the history of this quest to define the “reality of crime” remains largely obscure. Its roots extend much further back to an age well before the “dark figure” of crime became, at least in part, a measurable entity. This paper explores the historical context behind an emerging awareness of undiscovered crime at the turn to the 19th century. The knowledge that knowledge was deficient emerged out of practices of criminal investigation. It is considered here in the light of a perception in German territories on the threshold to a modern administration that itinerant thieves and vagabonds posed a very real danger. The paper examines methods adopted to probe uncharted realms, thereby stabilizing the veracity of this “knowledge of the unknown”.
Österreichische Zeitschrift für Soziologie · DOI
Zusammenfassung Im frühen 19. Jahrhundert rückte die heimliche und sanitätspolizeilich nicht kontrollierbare Ausübung der Prostitution und mit ihr die gefürchteten Ansteckungen mit der Syphilis in den Fokus breiter Aufmerksamkeit. Sowohl seitens der kommunalen Verwaltung als auch der Polizei und Sanitätspolizei ging man davon aus, dass die Zahl der klandestinen Prostituierten ungleich höher sei als die der behördlich registrierten Frauen. Analog dazu meinte man nur von einem Bruchteil des ‚realen‘ Ausmaßes der venerischen Infektionen Kenntnis zu haben. Die „Dunkelziffer“ dieser beiden eng miteinander assoziierten Geschehnisse trieb die Maßnahmen zu deren Aufdeckung und Erfassung vor sich her. Der vorliegende Beitrag befasst sich zum einen mit der Praxis der legislativen Vorgaben und der polizeilichen Kontrollen der im Geheimen agierenden Frauen wie auch der seit den 1820er-Jahren forcierten Nachverfolgung der Infektionsketten und erster präventiv motivierter gesundheitspolitischer Ansätze. Analysiert wird zum anderen die Wirkmächtigkeit des Postulats der fehlenden Daten. Die unumstößliche Gewissheit von der Existenz der zahlreichen nicht erfassten Fälle und das offensive Ausstellen kaum auslotbarer Bedrohungen waren ein inhärenter Bestandteil sowohl repressiver als auch präventiver Vorgehensweisen im Dickicht urbaner Gefahren.