Prof. Braun (i.R.) hat sich in ihrer Forschung auf Jüdische Studien und die Vermittlung jüdischer Geschichte und Kultur konzentriert. Sie war lange Jahre an der Leitung und Gestaltung der Leo Baeck Summer University beteiligt, einem internationalen Sommerprogramm für Studierende aus Amerika, Israel und Europa, das seit 2007 an der Humboldt-Universität angeboten wird. Das Programm verbindet akademische Lehre mit interkulturellem Austausch und trägt zur Wissensverbreitung über jüdisches Leben und jüdische Kultur bei. Für Bildungseinrichtungen und Kulturorganisationen bietet dieses Modell ein bewährtes Format für internationale, thematisch fokussierte Sommerprogramme.
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Prof. i.R. Dr. habil. Dr. Christina Braun
HU-FIS-Profil ↗<p>Die Geschlechter- bzw. Genderforschung ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das in den letzten Jahrzehnten entscheidend dazu beigetragen hat, die Konzeptionen von Geschlecht in vielen Disziplinen grundlegend zu reflektieren.</p> <p>Das Graduiertenkolleg greift diesen interdisziplinären Ansatz auf, um erstens die für die einzelnen Disziplinen charakteristische Formierung von Geschlecht als Wissenskategorie zu untersuchen, und zweitens vergleichend die Differenzen zwischen den Disziplinen wie auch die Gemeinsamkeiten im Umgang mit dieser Wissenskategorie herauszuarbeiten.</p> <p>Dabei rekurriert das Kolleg auf die immer deutlicher werdenden Überschneidungen zwischen der Wissenschaftstheorie und -geschichte einerseits und der Geschlechterforschung andererseits. Das Ziel ist ein Doppeltes: Erstens soll mit Geschlecht als Wissenskategorie das kritische Potential der Geschlechterforschung für die innerdisziplinäre Reflexion der epistemologischen Grundlagen des Wissens fruchtbar gemacht werden. Zweitens verfolgt die transdisziplinäre Fragestellung des Kollegs das Ziel, der Geschlechterforschung eine tragfähige methodologische Basis zu geben.</p> <p>Im Zentrum des Graduiertenkollegs steht die Frage nach den impliziten und expliziten Funktionen der Kategorie Geschlecht für die Strukturierung wissenschaftlichen Wissens. In die Arbeit des Kollegs werden die Disziplinen einbezogen, in denen es einerseits eine relevante Geschlechterforschung gibt, und die andererseits wissenschaftshistorische und wissenssoziologische Kompetenzen bereitstellen, nämlich die kulturwissenschaftlichen Fächer, die Geschichtswissenschaften, die Medizingeschichte (inkl. der Wissenschaftsgeschichte), die Sozialwissenschaften und Pädagogik, die Religionswissenschaft und die Rechtswissenschaft. Die Humboldt-Universität schließt damit an eine Tradition an, bei der Berlin schon vor rund hundert Jahren auf dem Gebiet der Geschlechterforschung mit den Pionieren der Sexualwissenschaft, den Forschungen von Georg Simmel oder der Einrichtung des ersten psychoanalytischen Instituts eine Vorreiterrolle spielte.</p> <p>Das an sich große Forschungsgebiet der Geschlechterforschung konzentriert sich pragmatisch auf zwei Schwerpunkte, die in besonderer Weise geeignet sind, die Interessen der beteiligten Disziplinen aufzugreifen und zugleich um ein thematisches Feld herum zu bündeln und zu konkretisieren. Erstens wird mit den theoretischen und methodischen Fragen der Geschlechterforschung die Aufnahme, der Ein- oder Ausschluss und die Einschreibung geschlechtlicher Kategorien in die Produktion wissenschaftlichen Wissens, in die Begriffsbildung und in die Wissensordnung in einzelnen Disziplinen untersucht. Zweitens bildet die geschlechtliche Codierung von Materialität und Körperlichkeit der Wissensobjekte in den einzelnen Disziplinen einen thematischen Schwerpunkt, da dieses Thema für alle am Kolleg beteiligten Fächer von besonderer Relevanz ist.</p>
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,Blut' spielt in sehr unterschiedlichen Disziplinen eine wichtige Rolle, unabhängig davon, ob es sich um die Geschichte der medizinischen Ideen und Entdeckungen zum Blut im Körper handelt (Säftelehre, Blutkreislauf, Genetik) oder um die politischen Auswirkungen von pseudo-biologistischen Theorien zum Blut (Rassenideologien, Eugenik, der Bedeutungswandel des Begriffs 'Blutschande'). Zu den ideologisch-medizinischen Gebieten gehören auch die Vorstellungen verschiedener Epochen zum Menstruationsblut. Daneben wurde auch die metaphorische Bedeutung des Blutes erfasst: das Blut als Metapher für Geld und Kapital (z.B. der Geldkreislauf in Thomas Hobbes` ,Leviathan`), das Blut als Symbol für `Leben` oder als Zeichen für die Unwiderruflichkeit eines Vertrag. Es wurde nach Ritualen und Geboten gefragt, in deren Zentrum das Blut steht (Blutsbrüderschaft, Blutrache, Blutschuld, Initiationsriten, Mensur), ebenso wie die Gesetze, in denen Blut und Blutspuren als Beweis dienen (Verträge, Körperverletzungen, der genetische Fingerabdruck). Untersucht wurden auch Mythen, in denen dem Blut eine heilsame oder unheilvolle Wirksamkeit zugewiesen wird: in der christlichen Passionsgeschichte, den Märtyrerdarstellungen, den Selbstgeißelungen oder bei den Alchimisten. Zu den zu bearbeitenden Feldern gehört auch die Dichotomisierung von Blutsmythen (,gutes Blut`/ ,böses Blut`), die sich teilweise mit den dichotomen Geschlechterbildern der Wissenschaftsgeschichte bzw. mit den konträren Vorstellungen von ,sexueller` und ,geistiger` Fruchtbarkeit decken. Dieser Dichotomisierung entspricht die in einigen Kulturen verbreitete Angst vor dem Menstruationsblut bzw. seine hohe oder niedrige Bewertung - oft im Vergleich zu dem ,guten' Blut etwa der Märtyer. Es wurde der unterschiedlichen Metaphorik des Blutes in Judentum und Christentum nachgegangen (in der jüdischen Religion das Verbot, Blut zu verzehren bzw. beim Beischlaf mit dem weiblichen Blut in Berührung zu kommen; im Christentum das Heilige Abendmahl/ Transsubstantiationslehre). Diese Unterschiede wurden wiederum wirkungsmächtig im religiösen Antijudaismus wie im rassistischen Antisemitismus. (Ritualmordbeschuldigungen, Hostienschändung, Rassenschande). Vergossenes Blut als Symbol für ,versiegendes Leben' und als Symbol für die überwundene Sterblichkeit spielt nicht nur in der Religion, sondern auch in den Darstellungen von kriegerischer Handlung eine wichtige Rolle. Dasselbe gilt für die lange und wechselvolle Symbolik des Kreuzes, die in allen Religionen vorhanden ist und im Christentum eng mit dem Blut des Erlösers verbunden wurde. Der engen Verbindung zur Gestalt des ,Anti-Christ' verdankt sich wiederum der langlebige Mythos vom Menschenblut verzehrenden Vampir. Es soll der Rolle des Bluts in den klassischen Medien (Bilderverehrung, blutende Ikonen) ebenso nachgegangen werden wie seiner Rolle in den modernen Medien. In der Literatur erscheinen Tinte und Blut (vergleichbar der Analogie von Kapital und Blut) gelegentlich wie austauschbare ,Säfte', während das Blut im Film (u. a. im sog. Splattermovie) eine Bedeutung annimmt, die sich als Versuch einer ,Vortäuschung von Wirklichkeit' umschreiben ließe: Hier, wie überhaupt im Zusammenhang mit den Bild- und anderen Medien scheint das Blut die Aufgabe zu haben, die Simulationstechnik bzw. das Zeichensystem (Schrift, Filmtechnik, Geld) zu ,verdecken' und ihm den Anschein von eben jener ,Materialität' zu verleihen, die den Zeichensystemen bzw. Simulationstechniken abgeht. In der Frage und Bedeutungsvielfalt von Blut treffen sich sehr viele Disziplinen: die Wissenschafts- und Medizingeschichte, die Theologie und Rechtswissenschaft, die Sozialwissenschaften sowie die Kultur- und Medienwissenschaften, die Literaturwissenschaft. ,Das Blut' stellt also ein geeignetes Forschungsgebiet zur Herstellung eines transdisziplinären Brückenschlags zwischen den Fächern dar. Angesichts der Fülle der Materialien zu diesem Gebiet ging es bei dieser Tagung darum, einen Überblick über die verschiedenen Aspekte zu geben. An Hand von Einzelbeispielen wurden die Querverbindungen untersucht, die zwischen den Bildern des Blutes in den einzelnen Fachbereichen (z.B. Medizin und Kunst/Literatur oder Theologie und Recht) bestehen und die historische Wirkungsmacht dieser Querbeziehungen aufgezeigt.
<p>Prostitutionsforschung war bis in die 1980er Jahre vornehmlich Devianzforschung. Durch die feministischen Diskussionen der 70er Jahre, in denen Prostituierte zumeist als Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse dargestellt wurden, sowie durch die gleichzeitig stattfindende sexuelle Liberalisierung hat sich jedoch ein Perspektivwechsel in der Forschung ergeben.</p> <p>Während es vorher darum ging, Devianzen zu untersuchen - etwa indem der Körper der Prostituierten vermessen wurde, um auf diese Weise die Ursache für die Wahl der Erwerbsquelle herauszufinden, oder Freier nur pathologisierend betrachtet werden konnten - gilt es heute, die vielfältigen Wissensformationen über Sexualität und ihre Verwobenheit mit ihrer kommerziellen Ausprägung, der Prostitution, zu ergründen. Auch der Streit, ob kommerzielle Sexualität nun 'gut' oder 'schlecht' sei, ist in den Hintergrund getreten. Vielmehr konzentriert sich die Forschung darauf, Prostitution als gesellschaftliches Phänomen zu begreifen. Dadurch wird das bestehende Wissen über Geschlecht zum einen praktiziert und zum anderen wird Wissen hergestellt, dass dann wiederum in andere gesellschaftliche Bereiche zurückfließt. Prostitution wird so zum integralen Bestandteil der gesellschaftlichen Produktion und Aneignung von Wissen über Geschlecht und Sexualität.</p> <p>Die Tagung ist dem Austausch und der Präsentation aktueller Forschungsarbeiten aus unterschiedlichen Disziplinen und verschiedenen europäischen Ländern gewidmet: der Kulturwissenschaft, Soziologie, Politologie, Kunstgeschichte, den Geschichtswissenschaften, der Germanistik und den Gender Studien.</p>