Dr. Scholze-Irrlitz erforscht die Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie in der DDR und untersucht dabei systematisch, wie wissenschaftliche Forschung unter den Bedingungen eines sozialistischen Staates geprägt wurde — durch zentrale Planung, akademische Traditionen und internationale Verflechtungen. Für Institutionen, Archive und Museen bietet diese Arbeit Erkenntnisse darüber, wie Wissensproduktion politisch strukturiert wird und wie sich wissenschaftliche Praktiken unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen entwickeln. Die Forschung ist relevant für Gedächtnisinstitutionen, Hochschulen und Kultureinrichtungen, die ihre eigene Geschichte und Rolle in historischen Umbruchphasen verstehen wollen.
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Dr. phil. Leonore Scholze-Irrlitz
HU-FIS-Profil ↗Das Berliner Teilprojekt "Politics at Display: Migration, Mobilities and the Borders of 'Europe'" widmet sich der Frage, wie Migrationsprozesse in ausgewählten europäischen Museen und in temporären Ausstellungen repräsentiert und inszeniert werden und welches implizite Verständnis von Europa, seinen kulturellen und sozialen, religiösen und historischen Grenzen dabei zutage tritt. Europäisierung als ein "zirkulärer" Prozess spiegelt sich in Museen in ganz Europa wider. Diese werden durch die Auswahl ihrer Themen, durch ihre Ausstellungspraxen und entstehende europäische Museumsnetzwerke "europäisch". Dabei wirft die europäische Integration als ein fortlaufender sozialer Prozess nicht nur Fragen nach politischen, juristischen und ökonomischen Grenzen Europas auf. Sondern es gilt vor allem, die darin verborgenen kulturellen und sozialen Grenzziehungen mitsamt den oft fragilen Konzepten einer "europäischen Identität" offen zu legen.
Das Projekt beschäftigt sich mit den komplexen Wechselbeziehungen und Wirkungsverhältnissen von Metropole, volkskundlich-ethnografischen und sozialen Akteuren im spezifischen Kontext Berlins zwischen 1900 und 1945 und erweitert bisherige Fachgeschichten zum Verhältnis von Volkskunde und Stadt durch eine dezidiert wissensgeschichtliche Perspektive. Es wird Aufschluss darüber erwartet, wie sich volkskundliche Akteure und volkskundliches Wissen in der synchronen wie in der diachronen Perspektive in urbanenen Kontexten "bewegten" und welchen Resonanzraum dieses Wissen dort erfuhr. Zwei Fallstudien nehmen dazu charakteristische Schnittstellen des Berliner volksundlichen Wissensmilieus mit anderen gesellschaftlichen Bereichen, mit Akteuren und Praxen in den Blick. Am Beispiel von "Tracht" und "Haus" wird untersucht, wie sich die urbanen Aktionsräume des volkskundlichen Wissensmilieus gestalteten, in welchen Wissensformaten - etwa Ausstellungen in Museen und auf Messen, populäre Zeitschriften oder wissenschaftliche Veranstaltungen - sich volkskundliches Wissen ausbreitete und inwiefern es dabei Geltung und Wirkung erlangte.
Das Projekt soll eine systematische Wissens- und Fachgeschichte der Ethnologie in der DDR erarbeiten. Es beschäftigt sich mit den komplexen Wechselbeziehungen und Wirkungsverhältnissen von zentraler Wissenschaftsplanung, akademischen Traditionslinien, lokalen wie regionalen Eigendynamiken sowie internationalen Einbindungen und Relationen im spezifischen Kontext der SBZ/DDR. Zentral ist dabei eine dezidierte Betrachtung wissenschaftlicher Entwicklung vor dem Hintergrund einer Verflechtungsgeschichte der DDR und damit unter Einbezug weltpolitischer Dynamiken und Veränderungsprozesse sowie deren Wirkungen auf Wissenschaftspolitik wie auf „Politiken des Wissens“: Kalter Krieg und Blockbildung, globale Dekolonisierung, Befreiungs- und Widerstandsbewegungen, „1968“ und die Auswirkungen auf die europäischen Wissenschaftslandschaften. Das Vorhaben setzt damit auf eine problem- und kontextorientierte Analyse, die exemplarisch die Entwicklung eines „kleinen Faches“ im Rahmen der Wissenschaftspolitik eines unter wechselnden politischen Bedingungen zunehmend autoritären Staates verfolgt. Dabei wird eine nur in Ansätzen vorhandene, in erster Linie auf politische Funktionalität und den nationalen Kontext bezogene Fachgeschichte wissensgeschichtlich und wissenskulturell erweitert. Ausgangspunkt sind die Wissenschaftsbiografien dreier Frauen, die die Fachentwicklung dreieinhalb Jahrzehnte lang entscheidend geprägt haben. Das war in Gesamtdeutschland und auch europaweit einzigartig. Dafür werden zwei in enger Kooperation arbeitende Teilprojekte – in Bonn und Berlin – unterschiedliche Felder der umkämpften Standortbestimmung der Ethnologie in der DDR in den Blick nehmen. Am Beispiel der auf die Amerikas bezogenen Ethnographie, als ein „klassisches“, regionales Wissensfeld der Ethnologie (Bonn) und der konzeptionell-theoretischen wie institutionellen Zusammenführung von Völkerkunde und Volkskunde (Berlin) wird untersucht, wie die Ethnologie nach 1945 in wechselnden Konstellationen gesellschaftspolitische Legitimationsstrategien entwickelte. Gerade weil die Disziplin nicht im Zentrum der Wissenschaftspolitik stand, kann das Beispiel der Ethnologie bisher wenig beachtete Relationen erarbeiten: zwischen der Konstruktion theoretischer und methodischer Positionen und der sich in Konkurrenz bzw. Austausch mit den sog. westlichen Staaten entwickelnden Forschungspolitik und Forschungspraxis der DDR. Damit wird es möglich, den „Standort“ der Ethnologie der DDR 1989/90 als ein Ausgangspunkt auch für die Positionierung und Entwicklung im Rahmen der „wissenschaftlichen Wiedervereinigung“ präziser zu bestimmen.