Prof. Marek forscht zur Kunstgeschichte Osteuropas und zur Gedächtniskultur in Mittel- und Osteuropa. Ihr Schwerpunkt liegt auf der systematischen Erschließung und wissenschaftlichen Vernetzung eines bislang unterrepräsentierten Forschungsfeldes: Sie organisiert internationale Konferenzen und Nachwuchsforen, um Kunsthistoriker:innen aus der Region zusammenzubringen und den wissenschaftlichen Austausch zu institutionalisieren. Für Museen, Archive und Kultureinrichtungen bietet dieser Ansatz Wege, osteuropäische Kunstbestände und Erinnerungskulturen in den internationalen Forschungsdiskurs zu integrieren und damit ihre Sammlungen wissenschaftlich besser zu erschließen.
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Prof. Dr. Michaela Marek
HU-FIS-Profil ↗Die Geschichte der Kunstgeschichte unter den Bedingungen der Systemkonkurrenz nach dem Zweiten Weltkrieg ist noch weitestgehend unerforscht. Das Projekt „Asymmetrische Kunstgeschichte? Erforschung und Vermittlung prekärer Denkmälerbestände im Kalten Krieg“ möchte diese Forschungslücke ausloten und Ansätze entwickeln, um sie schrittweise zu schließen. Dazu sollen in vergleichender Perspektive Strategien der wissenschaftlichen Handhabung und populärmedialen Repräsentation nicht-systemkonformer Denkmäler im Sozialismus als ost-westlich verflochtene Diskursgeschichte untersucht werden. In der Ära des Sozialismus waren Baudenkmäler im östlichen Europa, die nicht in Verbindung mit der Geschichte der proletarischen Revolution oder Volkskultur gebracht werden konnten, wie Kirchen, Klöster, Schlösser und Herrenhäuser, mit einer doppelten Hypothek belastet: einerseits aufgrund ihrer historischen Funktion für Religion und ‚Feudalismus‘ und andererseits – insofern sie mit einer deutschen Vorgeschichte assoziiert wurden – aufgrund ihrer ‚falschen‘ Nationalität, wobei der eine Aspekt den anderen verstärkte. Für die historischen Wissenschaften stellte sich die Herausforderung, diese Denkmalbestände in das jeweils eigene nationale Kulturerbe und das zu modellierende sozialistische Geschichtsbild zu integrieren (oder sie auch daraus auszugrenzen). Dabei beeinflusste – so die Ausgangshypothese – die Notwendigkeit, den Großteil des traditionellen Gegenstandsbereichs vor allem kunsthistorischer Forschung den ideologischen Anforderungen gemäß (neu) zu bewerten, zugleich die Erkenntnisinteressen und vor allem die Entwicklung der Methoden des Fachs. Im Kalten Krieg geprägte Werteordnungen wirken dabei bis heute nach. Eng verknüpft mit der wissenschaftlichen Erforschung war die populäre Vermittlung eines sozialistisch codierten nationalen Denkmalbestands, so in Ausstellungen, Bildbänden, Reiseführern oder Filmen. Insbesondere gilt dies für jene Regionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg neu besiedelt wurden und für die vor dem Hintergrund der Systemkonkurrenz nach Innen wie nach Außen der Legitimationsdruck einer kulturellen Aneignung umso dringlicher war.
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Die Geschichte Ostmitteleuropas mit den Regionen des gemeinsamen deutsch-polnischen Kulturerbes, die das Interessengebiet des Arbeitskreises deutscher und polnischer KunsthistorikerInnen und DenkmalpflegerInnen bilden, ist in besonderer Weise von politischen Zäsuren und damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen gekennzeichnet. Begreift man die Künste als ein mit gesellschaftlichen Dynamiken untrennbar verflochtenes Phänomen, so müssen auch sie zu derlei Umbrüchen in ein Verhältnis gesetzt werden. So wie die gesellschaftlichen und kulturellen Prozesse, welche durch politische Zäsuren in Gang gesetzt werden, sich in ihrer Ausrichtung, ihrer Intensität, ihrer Dynamik und ihren sozialen Trägern differenzieren, so gehen wir davon aus, dass auch das Verhältnis zwischen Kunst und gesellschaftlichem Umbruch kein eindimensionales ist: dass vielmehr die Künste und ihre Akteure verschiedene Rollen einnehmen und dabei sehr unterschiedlichen Bedürfnissen entsprechen konnten: sei es etwa, dass die Künste sich offensiv in den Prozess des gesellschaftlichen Wandels integrierten, gar eine führende Rolle beanspruchten, sei es dass sie als Werte konservierendes Medium begriffen wurden und einer regressiven Identifikation dienten, sei es dass sie von den verschiedenen in den Umbruch involvierten Gruppen als Projektionsfläche und/oder als Instrument zur Visualisierung und Durchsetzung politischer, sozialer oder wirtschaftlicher Interessen und Ziele genutzt wurden.In der Tagung wollen wir daher fragen, welche unterschiedlichen Aufgaben die Künste in Zeiten gesellschaftlicher Transformation erfüllten bzw. welche ihnen zugewiesen wurden, inwiefern und in welcher Weise sie Relevanz und Wirksamkeit in den Transformationsprozessen erlangten und – umgekehrt – inwiefern und wie forcierte gesellschaftliche Veränderungen Rückwirkungen auf künstlerische Reflexionsprozesse und Entwicklungen hatten bzw. haben. Ausgehend von einem flexiblen Verständnis des Kunstbegriffes, das vom Mittelalter bis in die Gegenwart und über die klassischen Kunstgattungen hinaus bis in die visuelle Kultur hinein reicht, eröffnen sich vielfältige Perspektiven auf die Fragestellung, die wir für die Tagung zu folgenden Themenbereichen bündeln wollen:Objekte: Wie schlagen sich soziale und kulturelle Umbruchprozesse in der physischen Erscheinung, im praktischen Umgang und in Deutungen von Objekten nieder und auf welche Weise manifestiert sich hierin die Bewertung von Qualität und Zielrichtung des Umbruchs?Orte: Mit welchen Mitteln wurden und werden im Zuge gesellschaftlicher Umbrüche räumliche Bezüge verändert, neu gestaltet, in ihren Dimensionen und auf ihren unterschiedlichen Bedeutungsebenen neu bestimmt? Wie spiegelt sich hierin das durch den Umbruch veränderte gesellschaftliche Gefüge?Akteure: Mit welchen (individuellen und kollektiven) Handlungsperspektiven und -optionen verändern sich im Ergebnis politischer Zäsuren und gesellschaftlicher Umbrüche die Beziehungen der „dramatis personae“ innerhalb des Kunstfeldes und damit auch die Verschränkung des Kunstfeldes mit anderen Feldern? Welche Konfliktkonstellationen bilden sich dabei aus?Kunstsystem: Wo lassen sich (konzeptionelle und praktische) Veränderungen im jeweils vorherrschenden Kunstsystem beobachten, etwa in Form von Konjunkturen einzelner Kunstgattungen, Bautypen usw. oder formaler Präferenzen, die ihren mittelbaren oder unmittelbaren Impuls aus den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen erhielten? Wo und wie artikulierten sich Umbruchsituationen in der Theoriebildung?Der historische Rahmen vom Mittelalter bis in die Gegenwart ist bewusst breit gefasst. Er soll einen synchronen wie auch diachronen Vergleich ermöglichen, der zeigen kann, ob Strukturen hervortreten, die das Agieren der Künste in politischen Zäsuren bzw. gesellschaftlichen Transformationsprozessen grundlegend charakterisieren, oder ob sich das Verhältnis in jeder (territorialen, kulturellen, historisch-epochalen) Konstellation neu formiert. Daher wird von Fall zu Fall der Betrachtungsraum über die engere Region des gemeinsamen deutsch-polnischen Kulturerbes hinaus zu erweitern sein.